Mit dem Gastbeitrag von Matthias Wiesmann starten wir eine neue bionetz.ch-Rubrik für Gastbeiträge aus der Biobranche und darüber hinaus. Kritische Reflexionen und Querdenkereien sind ausdrücklich willkommen! Was brennt Ihnen unter den Bionägeln? Seitens der bionetz.ch-Redaktion (Kontakt: Peter Jossi) sind wir gespannt auf Ihre Beiträge und Stellungnahmen!

Wertschätzung ist unprofessionell

Es gibt Erinnerungen, die verblassen nicht, auch wenn inzwischen 20 Jahre und mehr verflossen sind. Ich hatte damals mit einem Gastrokunden zu tun – gelegentlich als Chauffeur in der Auslieferung, gelegentlich im Bestellbüro. Wie viele in unserer Branche war er Quereinsteiger. Umso wichtiger war es ihm, sich mit den Insignien des Profis auszustatten. Berufskleidung, Gault Millaut-Punkte usw. Selbstverständlich beherrschte er auch den patronalen Auftritt, dazu gehörte die klassische Hierarchie: zuoberst der Chef (er), zuunterst der Casserolier und nochmals eine Stufe weiter unten der Lieferant (wir). Er war einer der ersten, der einen Telefonwählautomaten hatte – Telefon mit Lautsprecher natürlich. Das erlaubte ihm, unsere Nummer einzustellen und – er war ja sehr beschäftigt – wegzulaufen. Wenn man das Telefon abnahm, war da niemand – oder irgendwie doch. Aus irgend einer Ecke des Betriebs rief er dann Richtung Telefon – selbstverständlich war es unser und nicht sein Problem, die Bestellung korrekt aufzunehmen.

So konnte Ärger nicht ausbleiben (Fehllieferung). Ärger gab es aber auch sonst. So reklamierte er einmal, wo denn die Lieferung bleibe. Das konnte dann (in der Vor-Handy-Zeit) eine Suche nach dem Chauffeur von Kunde zu Kunde nach sich ziehen. Es stellte sich heraus, dass die Lieferung schon vor Stunden abgeladen war, er aber einfach weder etwas gehört noch im Kühlraum, wo die Lieferung vereinbarungsgemäss hingestellt war, nachgeschaut hatte. Oder wenn er griechische Oliven bestellte und wir solche lieferten, hätten wir wissen sollen, dass er selbstverständlich die französischen „type grècque“ gemeint hatte. - Kurz: es war kaum möglich, die Sache recht zu machen geschweige denn, so etwas wie Zufriedenheit zu erreichen. Wertschätzung durften wir schon gar nicht erwarten.

Weshalb mir dies heute in den Sinn gekommen ist?

Ein Bio-Verarbeiter, der gerne selber Läden bemustert und auch immer wieder mal eine Degustation durchführt, erzählte mir von den jüngsten Erfahrungen, von der Wertschätzung vieler Kunden, von Quartierläden, aber auch der Gastronomie. Er konkretisierte dann: Diese Wertschätzung beschränkt sich fast völlig auf konventionelle Kunden. Im Biofachhandel sei diese Erfahrung selten.

Keine Wertschätzung vom Biofachhandel? Warum wohl? Spielt da immer noch (wie in meinem Beispiel des Gastronomen) diese schiefe Auffassung von Professionalität? Muss ein Profi ein Macho sein?

Wie dem auch sei. Sicher ist, dass Anerkennung und Dankbarkeit weiterführen. Dies gilt nicht nur in der Mitarbeiterführung. Wer Anerkennung bekommt, ist eher bereit, Sonderleistungen zu erbringen, Sonderleistungen, die für beide Seiten interessant sind.

 

 

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