Gerne empfehlen wir den folgenden Gastbeitrag von Matthias Wiesmann (bionetz.ch-Mitglied) zur Lektüre. Gastbeiträge mit kritischen Reflexionen und Querdenkereien sind ausdrücklich willkommen! Seitens der bionetz.ch-Redaktion (Kontakt: Peter Jossi) sind wir gespannt auf Ihre Beiträge und Stellungnahmen!

Wenn bürgerliche Politiker oder „liberale" Wirtschaftsjournalisten gegen Nachhaltigkeitspostulate oder Friedensbemühungen anschreiben wollen, greifen sie ab und zu zur Wortkeule „Moralkeule". (Z.B. Corina Eichenberger, FDP-Nationalrätin zur Kritik an einer „grosszügigeren" Waffenausfuhrpraxis in der NZZ vom 8.11.2013).

Die „Linken" und „Grünen" sind allerdings nicht die einzigen moralkeuleschwingenden Zeitgenossen. Jede grosse Unternehmung hierzulande führt auf ihrer Website ihre Moralkeule vor. Die Keulenform verschwindet allerdings in der Menge schöner Worte und Absichtserklärungen. Wie sieht es also mit den Worten und dem Handeln konkret aus?

Handeln: Eben habe ich von der Swisscom eine SMS erhalten: „Etwas, das nie an Wert verliert. Unser Dankeschön an Sie. Profitieren Sie jetzt bei einer Aboverlängerung wahlweise von CHF 100 Rabatt auf ausgewählte Smartphones ... „. Aufgrund dieser SMS stelle ich fest, dass mein Smartphone 2 Jahre alt ist, zwar voll funktionsfähig, aber neuere Modelle würden noch mehr bieten, mehr Pixel bei der Kamera usw. Handys gehören zu den Verschwendern seltener Rohstoffe, sie werden in südostasiatischen Fabriken gefertigt und sind deshalb so billig, weil die Arbeitskräfte unter misslichsten Bedingungen arbeiten. Entspricht das alles dem Leitbild meines Telekommunikationsanbieters?

Worte: Ich schaue auf der Website nach und lese: „Wer über die eigene Zukunft und die der nächsten Generationen nachdenkt, dem begegnet früher oder später das Stichwort „Nachhaltigkeit". Es taucht immer wieder dort auf, wo es um eine intakte Umwelt, eine funktionierende Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit geht. Nachhaltigkeit umschreibt Handlungsweisen, die dabei helfen, unsere Lebensqualität langfristig und weltweit zu sichern." Undsoweiter.

Handeln: Swisscom ist keineswegs die einzige Unternehmung, die „verantwortungsvolle Texte" publiziert und gleichzeitig Verschwendung fördert (siehe oben). Sie hat gute Kollegen. Einer ist personell in der Person von Hansueli Loosli sogar eng mit Swisscom verbunden: Coop. Jährlich, wenn sich der Sommer ankündigt, stehen im Eingangsbereich der Super- oder Hobbymärkte die immer grösser werdenden Ungetüme von Grillgeräten. Damit gut orchestriert gibt es zum Kassenzettel einen Gutschein, der 10% Rabatt beim Einkauf von Fleisch verheisst.

Worte: Fleisch wird fast immer mit massivem Einsatz von Kraftfutter erzeugt, das z.B. in Brasilien auf gerodeten Urwaldflächen erzeugt wird. Also google ich zum Beispiel einmal „Coop+Nachhaltigkeit" – und lese: „Der weltweite Verlust an natürlichen Wäldern ist dramatisch. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, setzt Coop bei Holz und im Papiersortiment auf Recycling und FSC. Unter dem Label Coop Oecoplan bietet Coop ausschliesslich Holzprodukte mit FSC-Zertifikat sowie Papierartikel aus Recyclingpapier an. Auch der Verbrauch von Palmöl und Soja aus Tropengebieten nimmt weltweit zu. Darum setzt sich Coop gemeinsam mit Umweltpartnern dafür ein, dass diese Produkte nachhaltig hergestellt werden."

Vielleicht steht an dieser Stelle einmal: „ .... darum unterlässt Coop jede Promotion für Produkte, die die Umwelt überdurchschnittlich belasten." Man muss ja nicht immer etwas tun, um nachhaltig zu handeln. Man kann auch einmal etwas unterlassen: einfach Fleisch verkaufen, von mir aus auch problematisches, aber nicht noch eine Promotion obendrauf. Allerdings müssten sich die Category Manager (Holz/Papier und Fleisch) zunächst einmal darüber verständigen und sich mit Marketing- und Nachhaltigkeitsabteilung unterhalten.

Das Unterlassen gilt übrigens auch für den Konsumenten / die Konsumentin. Wenn die Swisscom einmal nachrechnet, dass ich monatlich (inkl. Abo) nur knapp 42 CHF bezahle (SMS, Telefon, Datenverkehr – inkl. Ausland, Durchschnitt über ein Jahr), wird sie mir vielleicht auch keine schönen Worte und Geschenke mehr schicken wollen. Beim Fleisch (Nichtvegetarier) kann ich es nicht so leicht nachrechnen.

Quelle und weitere Kolumnen von Matthias Wiesmann

 

 

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