Die Tagung zum 30-jährigen Bestehen der «CoOpera Sammelstiftung PUK» am 6.12. 2014 in Lenzburg stand unter dem Titel «Wirtschaft – und keiner ist verantwortlich?». Das aktuell erschienene Buch «Solidarwirtschaft - Verantwortung als ökonomisches Prinzip» vertieft die Tagungsthemen. In Teil 2 des bionetz.ch-Interviews (Teil 1) erläutert Matthias Wiesmann die Kernthemen seines Buches.

bionetz.ch (Peter Jossi): Als Vertiefung der Tagungsthematik haben sie das Buch «Solidarwirtschaft - Verantwortung als ökonomisches Prinzip» geschrieben. Wer soll diesem Prinzip zum Durchbruch verhelfen – und wie?

Matthias Wiesmann: Mir liegt daran zu unterstreichen, dass Verantwortung nicht ein aufgesetztes moralisches Prinzip, sondern eben ein Prinzip ökonomischer Vernunft ist. Man muss eher fragen, welches die Hindernisse sind, die Menschen und Unternehmen am Wahrnehmen von Verantwortung hindern.

Statt bei jeder Verantwortungslosigkeit in der Wirtschaft mit neuen Vorschriften und Verordnungen einzufahren, würde der Staat besser Projekte initiieren, welche den Mitbetroffenen (zum Beispiel dem Verband des Fleischhandels) aufzeigen, wie sie das Wahrnehmen von Verantwortung und die Eigen- und gegenseitige Kontrolle in der Branche verbessern können. Das sind übrigens auch Forderungen der Gemeingüter-Forscherin Elinor Ostrom.

Matthias WiesmannMatthias Wiesmann: Buchautor von «Solidarwirtschaft - Verantwortung als ökonomisches Prinzip» (Bild: Matthias Wiesmann, zVg)

Teil 1 Ihres Buches steht unter dem Titel «Wirtschaft und Parawirtschaft». Was ist der Unterschied zwischen Parawirtschaft und Wirtschaftskriminalität – gibt es einen?

Wenn man bereits das Prinzip der Gewinnmaximierung als kriminell bezeichnen will, was es – frei nach Ulrich Thielemann - auch ist, dann gibt es keinen Unterschied. Mir ist in diesem Zusammenhang allerdings wichtiger festzuhalten, dass es eine Wirtschaft gibt, die mit dem sozialen Leben verbunden ist und eine Wirtschaft, primär die Finanzwirtschaft, aber auch der professionelle Handel mit Grundstücken (Stichwort «Bodenspekulation»), die sich vom sozialen Leben entfernen bzw. die diesem buchstäblich das Leben schwer machen.

Da muss man aber nicht einmal weit nach Mafia suchen. Wer vor 10 Jahren ein Einfamilienhaus gekauft hat und meint, dieses heute für das zwei- bis dreifache verkaufen zu dürfen, steht mit einem Bein bereits in der Parawirtschaft. Denn ein solcher Preis hat mit dem realen Leben nichts zu tun, bzw. verunmöglicht es tendenziell.

Das gilt auch, wenn man sich an den Kurssteigerungen seiner sogenannt «nachhaltigen Aktien» im Depot bei einer alternativen Bank freut. Die derzeitigen Kurssteigerungen an den Börsen haben nur mit Parawirtschaft, aber gar nichts mit Realwirtschaft zu tun. Traurig nur, dass Kritik an der Parawirtschaft genau von denjenigen (z.B. Gewerbeverband) zurückgewiesen wird, die am meisten unter ihr leiden.

«Statt Staat: Organisationsformen eines Gemeinwesens» lautet einer der Titel im zweiten Buchteil. Welche sehen Sie für den Staat der Zukunft und welche Verantwortung hat die Zivilgesellschaft?

Der Inhalt dieses Kapitels ist historisch und zeigt auf, wie sich Formen der Sozialgestaltung entwickelt haben, bevor man von einem Territorialstaat heutiger Prägung sprechen konnte. Die Idee dahinter: aufzeigen, welche Eigentumsformen und welcher Grad an Selbstverwaltung einst vorhanden waren und heute Ideen liefern könnten – Relikte sind Alpkorporationen.

Heute scheinen sich die Denkmöglichkeiten auf territorialstaatliche Gebilde zu beschränken. Hier streitet man um Herrschaft und Demokratie. Andere Formen der Selbstverwaltung bleiben auf der Strecke. Hier könnte die Zivilgesellschaft Bewusstsein wecken. Als Faktor der sozialen Gestaltung sehe ich sie nur da, wo es sich um direkt Betroffene und Beteiligte handelt.

«Vom Ökonomismus zur wirtschaftlichen Vernunft» ist eines der wichtigsten Postulate ihres Buches. Welche Meilensteine liegen auf diesem ohne Zweifel langen Weg?

Der Weg muss keineswegs lang sein. Wenn ich in die eigene Biogrosshandels-Vergangenheit zurückblicke, so kann ich feststellen, dass wir verschiedentlich «wirt-schaftliche Vernunft» für eine Gruppe von Unternehmen realisieren konnten. Das müsste konkreter beschrieben werden. Handkehrum dominierten nicht «der Ökonomismus», sondern die Egos, welche vernünftige Lösungen verhinderten.

Der Schritt vom Ökonomismus (= Eigennutzen-Streben) zu Vernunft passiert dort, wo die Frage «nützt es mir» ergänzt wird durch «nützt es uns» und eine gewisse Zuversicht vorhanden ist, dass das, was uns allen nützt, auch mir nützt. Bildlich beschrieben: Wenn ich mit dem Auto in die Kreuzung hineinfahre und anderen die Vorfahrt abschneide, dann nützt es mir (eventuell). Schnell habe ich aber Zustände wie in Neapel: Jeder fährt hinein, bis sich nichts mehr bewegt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass etwas Zurückhaltung in einer solchen Situation allen eine schnellere Durchfahrt ermöglichen würde. Aber zurückhaltend bin ich nur, wenn ich frage: Nützt es uns allen?

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