Einmal mehr bewertet der WWF einen kritischen Lebensmittelbereich, um einem Nachhaltigkeitsstandard zum Durchbruch zu verhelfen – und einmal mehr befremdet der technokratische und selbstherrliche Stil eines WWF-Ratings. Nach mässig nachvollziehbaren Kriterien ausgesuchte Unternehmen werden aufgrund eines Einzel-Rohstoffs in «Gute», «Mittelfeld», «Abgeschlagene» und «Intransparente» eingeteilt. Eine Analyse zu guten Zielen und fragwürdigen Mitteln zum Zweck.

Peter Jossi - «Wie hat sich der Markt für nachhaltiges Palmöl nach den Kriterien des «Roundtable on Sustainable Palmoil» (RSPO) in der Schweiz entwickelt? Das wollte der WWF wissen und befragte im Rahmen eines internationalen Ratings 43 Unternehmen mit Sitz in der Schweiz. Erfreulich: 60 Prozent der befragten Unternehmen nutzen RSPO-zertifiziertes Palmöl. Doch noch setzen zu viele auf Zertifikate anstatt auf physisch zertifiziertes Palmöl. Mit 11 von 12 möglichen Punkten schnitten Coop Genossenschaft, Florin AG, Givaudan SA, Lindt & Sprüngli AG, Migros-Genossenschafts-Bund, Nestlé SA und Pro Fair Trade AG am besten ab».

Coop und Migros als Standardsetzer - gut so!

Soweit die Kernsaussagen des aktuellen WWF-Ratings (vgl. Detailinformationen unten). Der WWF kann bei der Durchsetzung von aussagekräftigen Nachhaltigkeitsstandards auf enge Partnerschaften mit globalen Handelskonzernen zählen. Wichtige Schweizer Wirtschaftspartner sind nicht zuletzt die Grossverteiler Coop und Migros. Die Markt- und Verhandlungsmacht grosser Unternehmen kann zusammen mit den Kampagnen globaler NGO-Konzerne wie dem WWF viel Positives bewirken. Bei der Palmöl-Thematik ist auch die Kooperation der Fettstoff-Verarbeiter von entscheidender Bedeutung.

WWF web 284131 57869Die Palmöl-Produktion macht Druck auf wertvolle Wälder (Quelle: James Morgan / WWF-International)

WWF-Umfrage – Aussagekraft im Mittelfeld

Wer die Realität im Schweizer Detailhandel auch nur ansatzweise kennt weiss, dass sich von Coop und Migros verlangte Standards über kurz oder lang in der Lebensmittelbranche durchsetzen. Längst kann es sich kein Unternehmen der Lebensmittelbranche mehr leisten, sich grundsätzlich gegen griffige Nachhaltigkeitsstandards zu stellen. Entscheidend ist nur eines: Verlässliche Branchenstandards und entsprechende Produkte in guter Qualität und zu einem sinnvollen Preis.

Wieso eine öffentlichkeitswirksame Kampagne dieser Art gerade jetzt stattfand, bleibt angesichts dieser sicher auch dem WWF bekannten Ausgangslage unklar. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die teilweise nicht logisch nachvollziehbare Auswahl der Befragten, bzw. nicht befragten Unternehmen.

Wieso braucht der WWF die genauen Mengen?

Wieso braucht der WWF die genauen Zahlen zu den in der Lebensmittelbranche verbrauchten Palmölmengen? Wieso nimmt ein NGO – wenn auch ein sehr grosser – ohne klar definierten Auftrag die Rolle einer zentralen Marktmeldestelle ein? Bekanntlich funktionieren grosse Teile der Wirtschaft bei klar definierten Qualitätsanforderungen und transparenten Zertifizierungsabläufen erfahrungsgemäss bestens, indem sie das Angebot und Nachfrage direkt koordinieren. Unterstützen können hier allenfalls Branchenverbände wirken - oder sieht sich der WWF mittlerweile als Branchenverband für das globale «Nachhaltigkeitsbusiness»?

Offenbar sind diese Zahlen dem WWF sehr wichtig. Wer die vom WWF-verlangten Standards «nur» in der Einkaufsstrategie integriert, aber keine detaillierten Mengenangaben zum Palmöl-Verbrauch in allen vermarkteten Artikeln machen konnte, fand sich automatisch in der Kategorie der «Abgeschlagenen» wieder. Dass die Erfassung dieser Daten für KMU im Gross- und Detailhandel selbst bei voller Unterstützung der WWF-Zielsetzungen zumindest eine sehr sportliche Herausforderung darstellt, war den Rating-Verantwortlichen offensichtlich egal. Auf blankes Desinteresse stiessen auch Informationen von Unternehmen, welche Palmöl durch weniger problematische Rohstoffe europäischer Herkunft ersetzen. Angesichts der Art und Weise der Befragung war vielleicht besser beraten, wer gar nicht den «Fehler»machte, den WWF-Fragebogen gewissenhaft auszufüllen.

Finanzierung WWF-Partnerschaften – intransparent

Wer dem WWF keine Auskunft erteilte, wurde als «Intransparent» eingestuft. Mehr Transparenz könnte auch das WWF-Rating vertragen. Seit Jahren arbeitet der WWF mit Unternehmen aus Handel und Verarbeitung der Schweizer Lebensmittelbranche zusammen. Im Rahmen von Round Tables oder Groups werden dabei Nachhaltigkeitstandards definiert und gemeinsam durchgesetzt. Durchaus mit Erfolg, wie mittlerweile eine ganze Reihe etablierter Labels und Beschaffungsstandards zeigen. Kritische Fragen drängen sich auf, wenn vom WWF unterstützte Programme kaum überraschenderweise auch in Labelratings positiv abschneiden – eigenständige, möglicherweise ebenso wertvolle Alternativen jedoch nicht.

Selbst der WWF macht dies alles natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe, was die offiziellen WWF-Informationen auch offen legen: «Firmen, die sich dem WWF gegenüber zu ambitionierten Zielen verpflichten, können die Zusammenarbeit in ihrem Marketing und in ihrer Werbung erwähnen. Profitiert das Unternehmen in dieser Weise von der Bekanntheit der Marke WWF, dann fliesst ein Teil des Mehrumsatzes der Firma an den WWF. Diese finanzielle Gegenleistung fliesst in den Natur- und Umweltschutz und ermöglicht so dem WWF, noch mehr für seine Ziele zu tun».

WWF kündet genaue Zahlen an

Mit dem Prädikat «gut» würde der WWF bei einem Rating zur finanziellen Transparenz heute kaum abschneiden; ob in der Kategorie «Mittelfeld», «abgeschlagen» oder doch eher «intransparent», sei dahin gestellt.

Offenbar sieht auch der WWF selber Optimierungsbedarf, wie die folgende Online-Ankündigung zeigt: «Transparenz: Bis im Juni 2013 veröffentlicht der WWF für alle seine Partnerschaften die vereinbarten Ziele beziehungsweise die Anforderungen an die Firmen. Danach informiert der WWF jährlich über den Stand der Zielerreichung. Ausserdem weist der WWF die Höhe der finanziellen Gegenleistungen in 5 Kategorien aus».

Mit Sicherheit würden aktuelle Zahlen zu diesen Zusammenhängen in der Lebensmittelbranche und darüber hinaus auf grosses Interesse stossen. Zur Transparenz würde dann auch die Antwort auf die Frage gehören, welche Standards der WWF gezielt unterstützt und welchen finanziellen Nutzen der global agierende NGO daraus zieht. Auf dieser Basis wäre dann erst die Weiterentwicklung der regelmässigen Ratingkampagnen hin zu mehr Transparenz und Unabhängigkeit möglich.

bionetz.ch-Kontakt: Peter Jossi


Quellen und weitere Informationen 

RSPO - Worum geht es genau?

Zu recht kritisiert der WWF die im April 2013 überarbeiteten RSPO-Richtlinien als zu wenig weit gehend, z.B. da gewisse Umweltanforderungen zu wenig weit gehend geregelt werden. Das aktuelle Rating ist offenbar von der Zielsetzung motiviert, auf die Lebensmittelbranche Druck auszuüben. Dies mag auf globaler Ebene wichtig und richtig sein. Für die Schweiz bleiben Sinn und Wirkung der aktuellen Kampagne fraglich.

RSPO ≠ RSPO

Was ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Zertifizierungen des «Roundtable on Sustainable Palmoil» (RSPO)? Worin besteht das Problem, wenn gemäss WWF-Medienmitteilung «noch zu viele auf Zertifikate anstatt auf physisch zertifiziertes Palmöl setzen» Selbst bei Fachleuten, die sich nicht täglich mit den Variationen und Entwicklungen von Nachhaltigkeitsstandards befassen, kann dies nicht einfach bekannt vorausgesetzt werden. Bekanntlich müssen die QM- und Labelverantwortlichen der Lebensmittelbranche Dutzende von Standards und Normen in die ohnehin schon komplexen Produktionsabläufe integrieren.

RSPO bekämpft eigenen Standard

Der WWF kritisiert heute einen Standard den die Umweltorganisation ab 2001 selber aufgebaut hat. Aus informellen Kooperationen mit Produzenten und grossen Handelsunternehmen ging die breit abgestützte Organisation RSPO hervor, als freiwillige Initiative aller an der Produktion, Verarbeitung und im Handel von Palmöl beteiligten Akteuren mit dem Ziel, die Zerstörung von artenreichen Tropenwäldern zu begrenzen. Der WWF hat deshalb 2004 den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) initiiert, ein Mindeststandard für den Anbau von Palmöl.

Der RSPO-Standard der Gründungszeit, förderte mit einem Zertifikatssystem (Book and Claim), vergleichbar mit Klimazertifikaten, die Verbreitung der RSPO-Anforderungen. Ende 2008 war das erste zertifizierte Palmöl am Markt verfügbar, das auch die physische Rückverfolgbarkeit sicher stellt, wie dies etwa bei Bioprodukten seit jeher der Fall ist. Im November 2007 traten die RSPO Prinzipien und Kriterien für die nachhaltige Produktion von Palmöl in Kraft.

Hintergrundinformationen zu RSPO (Wikipedia)

 

 

 

 

 

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