«Bangladesch: Keine Rede von `fairem Lohn` für Näherinnen», titelte «saldo» in der Ausgabe vom 20. November 2013. Wie sind diese Vorwürfe zu werten? Wo besteht echter Handlungsbedarf im Fairtrade-System?

Peter Jossi - «Ein Fairtrade-Shirt kostet im Laden in der Schweiz deutlich mehr als ein Standardprodukt. Doch saldo-Recherchen in Bangladesch zeigen: Die Näherinnen erhalten nicht mehr Lohn», dies der Vorwurf der Zeitschrift saldo an das Fairtrade-System. Welche Vorwürfe verweisen auf einen echten Handlungsbedarf und welche Kritikpunkte laufen bei näherer Betrachtung ins Leere?

Fairtrade Max Havelaar: Kein Bezug aus Bangladesch

Im Fokus der Kritik steht insbesondere die Max Havelaar-Stiftung. Zunächst ist daher die Klarstellung wichtig: Die Schweizer Max Havelaar-Lizenznehmer für das entsprechende Fairtrade-Gütesiegel beziehen ihre Textilien gar nicht aus Bangladesch, wie Katrin Dorfschmid (Mediensprecherin Max Havelaar-Stiftung) auf Nachfrage bestätigt. Dorfschmid verweist auf weitere fragwürdige und irreführende Inhalte im saldo-Beitrag: Im Fairtrade-Kontext wird ein T-Shirt der H&M Linie `Concious` gezeigt. Wie der Artikel korrekt ausführt, vermarktet H&M unter dieser Eigenmarke Bio-Textilien, zertifiziert nach dem internationalen GOTS-Standard. Die verwendete Biobaumwolle stammt jedoch nicht aus Fairtrade-zertifizierten Quellen. Auch der im Beitrag erwähnte Hersteller «Liberty Fashion» hat laut Dorfschmid zu keinem Zeitpunkt Textilien mit dem Fairtrade-Gütesiegel von Max Havelaar in die Schweiz verkauft.

Max Havelaar 4135ff1d1eFairtrade und Baumwolle: Stimmt der Preis für die ganze Wertschöpfungskette? (Bild:Max Havelaar)

Saldo vergleicht Äpfel und Birnen

Aus Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten ist die Erwartung durchaus nachvollziehbar, dass Bioartikel gleichzeitig auch Fair Trade-zertifiziert sind – und umgekehrt. In der Praxisumsetzung ist diese, auch aus Vermarktungssicht erwünschte Zielsetzung, sehr anspruchsvoll und (noch) nicht in allen Fällen umsetzbar.

Der saldo-Beitrag vergleicht hier Äpfel und Birnen, bzw. Labels und Nachhaltigkeitsstandards mit unterschiedlicher Ausrichtung und Zielsetzung. Der Bericht basiert auf dem Vorwurf, dass bestehende Fairtrade-Kriterien für Textilien «den Näherinnen nichts bringen.» Bereits diese Grundannahme ist falsch: Ein allgemein anerkannter Fairtrade-Textilstandard besteht (noch) gar nicht. Zwar regeln eine Reihe von globalen Branchen-Regelwerken die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern. Das Ziel ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Die Grundlage bilden internationale Mindeststandards, deren Umsetzung in vielen Herstellländern durch die Behörden nicht oder nur ungenügend überwacht werden.

Fairtrade-Kernaussagen betreffen Anbau

Auf Textilien mit dem Max Havelaar-Label verweist der Zusatz «Certified Cotton», auf den Fokus der Fairtrade-Standards: Die Landwirtschaft als erste Stufe der langen Textilverarbeitungskette. Die entsprechenden Fairtrade-Standards (vgl. Infolinks) für Baumwolle beinhalten einen Mindestpreis und zusätzlich eine Fairtrade-Prämie. Die Standards definieren auch Anforderungen an die soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung, die demokratische Organisation, das Mitspracherecht für die Baumwollbauern sowie Kriterien für den umweltschonenden Anbau. Die Überwachung der Anforderungen erfolgt durch eine unabhängige Zertifizierungsstelle.

Soziale Standards auch für Verarbeitung

Eine ganze Reihe von Vermarktungsinitiativen gehen auch auf Stufe Verarbeitung wesentlich weiter als die «social standards» der Branchenregelwerke. Die Fairtrade-Standards auf die sich die Max Havelaar-Stiftung stützt, beinhalten derzeit noch keinen eigentlichen Fairtrade Textil-Standard für die gesamte Wertschöpfungs- und Verarbeitungskette. Dennoch wird der Warenfluss der Fairtrade-Baumwolle kontrolliert, sowie die Einhaltung international anerkannter Social Compliance-Anforderungen überprüft. Sämtliche Verarbeitungsstufen müssen bei der Zertifizierungsstelle «FLO-Cert» registriert und die Umsetzung nachgewiesen sein. «Wir empfehlen ausserdem all unseren Partnern auch eine Mitgliedschaft bei der `Fair Wear Foundation`, einem Verifikationsansatz für die letzte Verarbeitungsstufe (Konfektion)», ergänzt Katrin Dorfschmid.

Max Havelaar c2532616b3Fairtrade-Bananen: Wie genau erfolgt die Preisbildung (Bild: Max Havelaar)

Wie krumm ist die Fairtrade-Banane?

In einem Begleitartikel suggeriert saldo, der Fairtrade-Handel betreibe bewusste Konsumententäuschung. «Die grundsätzliche Fragestellung, wer wie viel an einem Produkt verdient, ist aus Konsumentensicht natürlich spannend», räumt Katrin Dorfschmid ein. Wie erfolgt aber nun die Fairtrade-Preisbildung genau? Mit dem Ziel der Besserstellung von Kleinbauern und Arbeiterinnen in Entwicklungs- und Schwellenländern wird bei Fairtrade zunächst der Mindestpreis eines Rohstoffs und die Höhe der Fairtrade-Prämie festgelegt. Katrin Dorfschmid betont: «Die Endverkaufspreise und damit die Margen liegen auch bei Fairtrade-Produkten in den Händen der Grossverteiler, haben aber auf den Erlös der Fairtrade-Produzenten keinen Einfluss.»

Adrian Wiedmer, Geschäftsleiter der gebana AG und Präsident der Dachorganisation «Swiss Fair Trade», bringt der kritischen Analyse der Preisbildung durchaus Verständnis entgegen: « Sowohl der Konsument wie auch der Produzent wären über die Wertschöpfungsverteilung sehr erstaunt, falls sie diese kennen würden. Die gebana und unsere Partnerorganisation Terrafair kritisieren jedoch nicht Max Havelaar und den Bananen-Standard. Wir verlangen von der Handelskette, insbesondere den Marken und Grossverteilern jenseits des Verkaufs von Labelprodukten, über Gerechtigkeit und Wertschöpfungsverteilung nachzudenken.»

Fairness auch beim Preisvergleich

Der direkte Vergleich einer Fairtrade- mit einer Billigbanane wirkt ebenso irreführend wie etwa derjenige von Cashewnüssen in Fairtrade-Bioqualität mit dem konventionellen Tiefpreisprodukt. Beim Vergleich von Produkten aus demselben Qualitäts- und Preissegment, zeigt sich hingegen ein differenzierteres Bild (vgl. Infolink: Preissäulen für Bananen).

Tatsächlich decken Billigstangebote oft nicht einmal die Grundkosten und bringen damit auch die Produzentenpreise unter Druck. Tiefpreisangebote müssen oft über andere Angebotskategorien quersubventioniert werden. Konsumentinnen und Konsumenten , die nur auf Billigware aus sind, profitieren also auch von denjenigen, die für Qualität und Nachhaltigkeit einen gerechten und anständigen Preis zu zahlen bereit sind.

Fair Trade weiter entwickeln

Für Adrian Wiedmer steht die Fairtrade-Bewegung insgesamt in der Pflicht, kritische Fragen und berechtigte Einwände als Anstoss für die Weiterentwicklung des Fairtrade-Systems zu nutzen: «Von Anfang an ging es gebana und Terrafair darum, nicht einfach stehen zu bleiben, sondern sich auch kritische Fragen gefallen zu lassen. Dies ist natürlich auch im Sinne von Swiss Fair Trade als Dachorganisation.» Eine wichtige Frage für die gebana sei nicht nur der Preis für die Bauern, sondern die gesamte Wertschöpfungsverteilung, betont Wiedmer: «Die Bananenfrauen forderten als Fairtrade-Pionierinnen 15 Rappen Aufschlag, der direkt in den Süden fliessen sollte. Heute haben die Baern zwar diese 15 Rappen mehr und das ist eine Errungenschaft. Der Preisaufschlag beträgt aber zusätzlich einen weiteren Franken, welcher ebenfalls mit dem Argument des armen Bauern gerechtfertigt wird.»

bionetz.ch-Kontakt: Peter Jossi 

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