Trotz schlechtem Wetter strömten am Samstag, 3. Mai 2014, die Leute zu hunderten auf die Schlossdomäne Wildegg. Ziel war der jährlich stattfindende Setzlingsmarkt von «Pro Specie Rara» (PSR). Die Besucherinnen und Besucher konnten hier Pflanzgut aus einer Auswahl von mehr als 500 unterschiedlichen Pflanzen kaufen. PSR betreibt im Schlossgarten von Wildegg einen ihrer umfangreichen und ganzjährig frei zugänglichen Sortengärten. Die Organisation lud zudem zusammen der «Erklärung von Bern» (EvB) zur Vernissage des Buches «Das Lexikon der alten Gemüsesorten» sowie der Dokumentation «Saatgut - bedrohte Vielfalt im Spannungsfeld der Interessen» ein.

Markus Johann – Im Buch «Das Lexikon der alten Gemüsesorten» werden rund 800 verschiedene Gemüsesorten beschrieben. Das Buch ist in Zusammenarbeit mit «Arche Noah», einer Partnerorganisation aus Österreich, entstanden. Marianna Sereina, Mitautorin des Buches, wies an der Vernissage auf die vielen interessanten Produzentenporträts hin: «Ein Radieschen von heute ist die Arbeit von über 100 Menschengenerationen», meinte sie anlässlich der Buchpräsentation.

Grosser Andrang an den Ständen Grosser Andrang an den Ständen (Bild: Markus Johann)

Vielfalt statt Einfalt

«Haben Sie schon einmal einen 'Blauen Schweden' gegessen, ein 'Zürcher Original' oder einen 'Maikönig'? Sie brauchen dafür nicht zum Kannibalen zu werden, denn dies sind alles traditionelle Gemüsesorten», wies Béla Bartha, PSR-Geschäftsleiter, in seiner kurzen Ansprache hin. «Diese Vielfalt brauchen wir für die Unabhängigkeit und die Souveränität über unser Saat- und Pflanzgut. Beim Einsatz von Hybriden wird gleich der Weg an die Endstation gewählt», so die Einschätzung von Béla Bartha.

«Vielfalt statt Einfalt», lautet die Kernforderung einer neuen Broschüre mit der EvB und PSR die wirtschaftspolitischen Hintergründe der schwindenden Biodiversität ausleuchten. Die Dokumentation «Saatgut - bedrohte Vielfalt im Spannungsfeld der Interessen» informiert über aktuelle Proteste gegen Patente auf Nutzpflanzen. François Meienberg wies als EvB-Saatgutspezialist an der Vernissage mit eindrücklichen Beispielen auf die zunehmende Abhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern von immer weniger Saatgutanbietern hin.

Die Vielfalt unserer Nutzpflanzen ist die Basis unserer Ernährungssicherheit. Doch wie steht es um diese lebensnotwendige Biodiversität? Heute ist im Grosshandel wie im Hobbybereich hybrides Saatgut die Norm. Diese Sorten entstehen zwar aus Kreuzungen, können aber nicht selber weiter vermehrt werden. Sie sind meist durch geistige Eigentumsrechte geschützt, müssen also jedes Jahr neu gekauft werden. Immer weniger Firmen kontrollieren einen immer grösseren Teil des globalen Saatgutmarkts und damit unserer Ernährung.

von links Béla Bartha Marianne Sereina François MeienbergPräsentation neuer Publikationen: Von links Béla Bartha, Marianne Sereina, François Meienberg (Bild: Markus Johann)

Rechtlicher Kampf gegen Saatgut-Patente

Die nationale und globale Politik unterstützt diese Oligopol-Bildung, nicht zuletzt unter dem starken Lobbyeinfluss von «Syngenta & Co». Die heute weltweit grössten Saatgutanbieter sind vornehmlich Chemiemultis, die mit Agrochemikalien gute Geschäfte machen. Die Strategie dieser Multis ist klar: Sie wollen neben Saatgut gleich die synthetischen Dünge- und Spritzmittel mit dazu verkaufen. Vor diesem Hintergrund haben die rechtlichen Auseinandersetzungen um Saatgut in den letzten Monaten stetig an Dynamik gewonnen. Auf EU-Ebene wurde im Januar 2014 die umkämpfte Saatgut-Verordnung zurück gewiesen. Im Februar 2014 rekurrierten über 30 NGO (Nichtregierungs-Organisationen) aus ganz Europa gegen ein Paprika-Patent von Syngenta.

Aktuell stehen in Genf Verhandlungen über die dringend notwendige Revision des FAO-Saatgutvertrags an. Über diese juristischen Konflikte und deren politische Grundlagen wird in der neuen Dokumentation profund und bilderreich berichtet und damit die existentielle Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Trendwende aufgezeigt. Der Schlüssel liegt in einer Züchtung, die sich vom Primat der kurzfristigen Ertragssteigerung verabschiedet und endlich ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft leistet.

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