Wie sieht die Bio-Branche den Trend zu Veganismus? Gibt es eine biovegane Landwirtschaft und wie hat sich das Konsumenten-Verhalten tierischen Produkten gegenüber in den vergangenen Jahren verändert? Auf der BIOFACH 2014 konnten sich Anbieter veganer Produkte erstmals in einer eigenen Trend-Kategorie am Neuheitenstand präsentieren. Über 100 der rund 500 dort angemeldeten Innovationen zählten zum veganen Sortiment und begeisterten die mehr als 42.000 Fachbesucher. Viele dieser Köstlichkeiten sind seither im Handel gelistet. 2015 widmet die Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel vom 11. bis 14. Februar 2015 den veganen Produkten eine eigene Erlebniswelt. Wir sprachen mit dem Bio-Landwirt und Vorstandsvorsitzenden des BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft/ Deutschland), dem nationalen ideellen Träger der Weltleitmesse, Dr. Felix Prinz zu Löwenstein über den Trend und die Sicht der Branche darauf.

Was sagt die Branche zum wachsenden Trend hin zu einer veganen Ernährungsweise? Ist der Sektor offen für biovegane Anbaumethoden?

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Die vegane Lebensweise leistet einen Beitrag, den Konsum von tierischen Lebensmitteln zu reduzieren und bringt die Menschen dazu, sich mit Tierhaltung und grundsätzlichen Ernährungsthemen auseinanderzusetzen. Die biovegane Landwirtschaft kann für einzelne Betriebe eine machbare Lösung sein, nicht aber für die Gesamtheit der Bewirtschaftung.

Die biovegane Betriebspraxis macht die Nährstoffversorgung der Pflanzen schwierig – insbesondere bei leichten Böden und selbst, wenn stickstoffsammelnde Pflanzen angebaut werden. Die Kombination Viehhaltung plus Ackerbau bietet bessere Lösungen.

Biofach Prinz zu Löwenstein IDr. Felix Prinz zu Löwenstein, Bio-Landwirt und BÖLW-Vorstandsvorsitzender (Bild: BIOFACH)

Biovegane Landwirtschaft – Geht das denn überhaupt? Gehört Nutztierhaltung bzw. Einsatz von tierischen Düngemitteln nicht automatisch zur ökologischen Landwirtschaft?

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Ganz genau. Und das betrifft nicht nur die Bio-Betriebe. Denn fast 30 Prozent oder 4,6 Mio. Hektar der deutschen und 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen sind Grünland. Auf diesen Flächen kann der Mensch nur mithilfe der Tierhaltung Nahrungsmittel erzeugen. Ohne Grünlandnutzung kann die globale Ernährungssicherung nicht gelingen.

Generell bedeutet ein Weniger im Konsum von tierischen Lebensmitteln ein Mehr auf dem Weg zur weltweiten Ernährungssicherung und besserem Klimaschutz – wichtige Anliegen der Bio-Branche. Dennoch hat der Veganismus gerade dort auch Kritiker – warum?

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Nicht der Veganismus an sich wird kritisch betrachtet. Schliesslich ist es mit Blick auf das Klima, die individuelle Gesundheit und die Konkurrenz zwischen Trog und Teller sinnvoll, weniger Fleisch, Milch und Eier zu verzehren. Der Konsum tierischer Nahrungsmittel ist in Deutschland und anderen westlichen Ländern zu hoch, wenn man sich ansieht, wie viele Ressourcen die Produktion von tierischen Lebensmitteln verschlingt. Kritisch betrachtet wird der mitunter vertretene Anspruch, den Veganismus zum allein möglichen Konzept zu erklären. Denn im Ökolandbau spielen Tiere eine bedeutsame Rolle. Sie tragen dazu bei, Nährstoffe im Kreislauf zu halten. Und die Nährstoffe des Grünlands kommen nur über das Tier auf den Acker.

Wenn schon Fleisch, dann in Bio-Qualität – was hat sich aus Ihrer Sicht in Sachen Fleischkonsum in den vergangenen Jahren in der Gesellschaft getan? Sind die Menschen inzwischen generell bewusster, was das Thema angeht?

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Ernährungsthemen geraten in den vergangenen Jahren in den gesellschaftlichen Fokus. Das ist erfreulich, besonders weil es nicht nur um kulinarische oder diätetische Aspekte geht, sondern darum, wie Lebensmittel erzeugt, verarbeitet oder gehandelt werden. Es entsteht eine kritische Masse an Kunden, welche die Ernährungsbranche und die Politik zum Umdenken bringen kann – denn die Akzeptanz für eine Tierhaltung, die zu viele Ressourcen verbraucht, das Klima schädigt, die artgemässen Bedürfnisse der Tiere missachtet oder die Artenvielfalt zerstört, wird immer weniger Rückhalt finden. Das macht sich auch an der Ladentheke bemerkbar. Das wachsende Interesse an einer artgerechten Haltung kommt den Öko-Tierhaltern zupass – haben ihre Tiere doch viel Platz im Stall, Auslauf, bekommen Bio-Futter und die Landwirte arbeiten transparent und nicht hinter verschlossenen Hof-Türen.

Wie wirkt sich der Trend statistisch aus? Zeigt er sich in den Bio-Produktgruppen Fleisch, Milch- und Eiprodukten bereits zahlenmässig?

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Der Markt für Bio-Produkte ist nach wie vor ein Nachfragemarkt. Das betrifft auch den Umsatz mit tierischen Produkten. Im tierischen Bereich hatten 2013 Konsumeier mit knapp über 7 Prozent am Gesamtmarkt den höchsten Anteil. Auch der Umsatz mit Milchprodukten legte zu. Mit Ausnahme von Schaf und Rind bleibt der Bio-Anteil bei Fleisch jedoch weiterhin sehr gering. So werden nicht einmal ein Prozent der Schweine in Deutschland auf Bio-Höfen gehalten. Bei Geflügel war auf niedrigem Niveau ein deutliches Produktions-Wachstum von 17Prozent in 2013 zu verzeichnen. Neben den tierischen Bio-Produkten legten aber auch Nahrungsmittel zu, die der veganen Ernährung zuzurechnen sind wie etwa Nüsse, Nussmuse oder Ölfrüchte.

Vegan oder Bio – oder am besten beides? Wie werden Bio und Vegan aus Ihrer persönlichen Sicht tatsächlich ein perfektes Paar?

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Nicht nur wer vegan leben möchte, sollte die Tiere und die eigene Gesundheit, sondern auch die Art und Weise der Produktion im Blick behalten. Denn auch die Produktion von Obst, Gemüse, Getreide, Nüssen oder anderen Pflanzen ist für Artenvielfalt, Klima und die Landwirte besser, wenn sie ökologisch betrieben wird. Ob Bio und Vegan ein perfektes Paar sind, sollen die Kunden dann für sich entscheiden. Jedenfalls müssen sie mit ihrer Kaufentscheidung Verantwortung übernehmen. Das gilt für den Verzehr von tierischen Lebensmitteln ebenso wie für die Entscheidung, regionale und saisonale Produkte zu kaufen sowie Nahrungsmittelwertzuschätzen und deshalb nicht zu verschwenden.

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