Zur PUSCH-Tagung am 5. März 2009 in Solothurn

von Matthias Wiesmann, bionetz.ch

Zweifelt etwa jemand daran, dass es sinnvoller ist, ein Dreiliterauto zu fahren als einen schweren Offroader? Dass es sinnvoller ist, fair deklarierte Bananen zu kaufen, bei denen Produzent oder Bananenarbeiter einen höheren Preis erhalten als bei Weltmarktbananen?

Ja, es gibt die Zweifel. Vor einiger Zeit bezeichnete Dr. Gerhard Schwarz, Wirtschaftsredaktor NZZ, Fair Trade als schädlich. Warum? Höhere Preise würden die Anbieter dazu verleiten, mehr zu produzieren, wodurch die Preise zusätzlich unter Druck gerieten und letztlich den Produzenten selber schaden würden.

Aber das mit dem Dreiliterauto scheint wenigstens ein eindeutiger Fortschritt zu sein. Auch nicht! Am 7./8. März schrieb die NZZ: „Es bringt der Umwelt nichts, wenn einige Staaten die Nachfrage nach fossilen Energien verringern. Dies drückt deren Preise auf dem Weltmarkt und gibt den anderen Staaten einen Anreiz, mehr zu verbrauchen: Der bei uns nicht verbrannte Kohlenstoff wird in denjenigen Ländern in die Luft gepustet, die sich keinen Deut um Treibhausgasreduktionen scheren.“

Ist es also vergebene Liebesmüh, eine Tagung unter dem Titel „Grün und fair konsumieren: Wo der Nutzen besonders gross ist“ zu veranstalten? Gewiss nicht! Die soziale Realität ist komplexer, als es die zynisch anmutenden Schlussfolgerungen marktwirtschaftlicher Fundamentalisten glauben machen. Trotzdem ist zu beherzigen: bei den Bemühungen im Kleinen sollten die makroökonomischen Aspekte nicht aus dem Auge verloren gehen. Das blieb an der hier referierten Tagung – dem Thema entsprechend - weitgehend, aber nicht ganz ausgeblendet.

Die Tagung ging klar von der Einsicht aus, dass Überzeugung, Moral und Drohfinger nicht zu Änderungen führen. Bewusstseinswandel – das war einmal. Heute geht es darum, so viel Honig aufs gesunde Vollkornbrot zu streichen, dass Gesundheit mit Genuss konsumiert wird. Wer sich so reinlegen, sorry, für ökologischen Konsum gewinnen lässt, gehört zu den „Lohas“ bzw. ist Vertreter des „Lifestyle of Health and Sustainability“. Überzeugungsarbeit ist out, Marketing ist in. Peter Unfried, Stv. Redaktor von „Die Tageszeitung“ outete sich als jahrelang renitent gegenüber den Überzeugungen seines öko-überzeugten Bruders. Er war der linke Journalist, der für eine ökologische Politik plädierte, gleichzeitig unökologisch konsumierte und nun bekehrt (oder eben nicht bekehrt, sondern gewonnen!) ein Buch mit dem Titel „Öko – Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ geschrieben hat. Sein Referat war ein Highlight dieser Tagung.

Mit Josef Känzig stand ein Wissenschafter auf dem Podium. Seine Sache ist nicht Marketing sondern Information. Dem ÖV-Apologeten muss es zu denken geben, dass die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs nicht nur zu Umsteigeeffekten führt, sondern namentlich auch zu längeren Pendlerdistanzen. Die Fahrzeit bleibe per saldo immer und überall etwa gleich.

Hans-Peter Egler vom Seco machte den Eindruck eines Dirigenten, der die verschiedenen Beteiligten an Produktions- und Handelsprozessen namentlich auch im Verkehr mit Entwicklungsländern orchestriert und Nachhaltigkeitsstandards zum Durchbruch verhilft. Natürlich lässt sich der Effekt solcher Bemühungen kaum je messen. Aber es wurde deutlich: der Bund tut etwas.

Wer tut? Tobias Meier machte deutlich, dass Helvetas tut. Er stellte Baumwollprojekte (namentlich in Nordwestafrika) vor, von denen der geneigte Leser der Migros-Zeitung auch immer wieder hat lesen können – oder der Coop-Zeitung-Leser, wo es dann um das Remei-Maikal-Projekt geht ( Link zur Remei AG; Remei ist bionetz.ch-Mitglied)

Wer tut also? Den NGOs kommt oft die Pionier-Rolle zu, sie versuchen die Projekte in eine Public Private Partnership (PPP) einzubringen.

Valentine Vogel von PUSCH stellte einen Überblick über die verschiedenen Labels, deren Funktion und das Web-Hilfsmittel Labelinfo.ch vor. Ihre Zuordnung von Fair Trade zu Handel und Soziale Gerechtigkeit zu Arbeit war schematisch einleuchtend, aber nicht sehr realitätsnah. Was fordern den Fair Trade-Richtlinien tatsächlich in Bezug auf die Fairness von Handelsprozessen. Sie machen in allererster Linie Aussagen über die Arbeitbedingungen.

Nach dem Stehlunch war Raum für Verkäufer, so mindestens stellenweise der Eindruck. Kurt Schär, Geschäftsführer der Biketec AG („Flyer“) und Hauptsponsor der Tagung brachte einen zur Überzeugung: da hat nun einer bei den Lohas ins Schwarze getroffen. Der Erfolg spricht für sich. Sein Vortrag war witzig und schlagfertig.

Max Renggli, Ökohäuserbauer (Renggli AG) konnte da nicht gleichziehen. Hatte er wohl den falschen Foliensatz mitgenommen? Er verbreitete sich über Energiespareffekte und hatte am Schluss leider nur noch ganz wenig Zeit, seine wunderschönen Häuser zu zeigen.

Mit Olivier Ronner von ISA Bodywar trat der Vertreter eine Firma auf, die sehr gut über Verkaufsmotive, Käuferverhalten und Markenwert von Labels Bescheid weiss. Max Havelaar ist das stärkste Nachhaltigkeitslabel – noch vor Coop Naturaplan! 60% der Herrenunterwäsche wird von Frauen gekauft. Die Unternehmung setzt dieses Marketingwissen sehr gezielt und erfolgreich ein. Wenn über das Ganze eine ethische Firmenphilosophie gebreitet wird, ist der Zuhörer etwas irritiert: was war zuerst, die Ethik oder das Marketing?

Das fragte man sich bei Michael Wehrli von der Traktor Getränke AG nicht. Die Traktorprodukte entstanden sicher nicht fern vom Lohas-Milieu, die Frage nach Ethik oder Marketingtrick drängt sich hier in keiner Weise auf. Die vom Produkt überzeugten Macher wirken schlicht authentisch ökologisch – und lebensfreudig.

Für Felix Meier vom WWF gibt es wohl die Frage „Marketing oder Ethik“ ebenfalls nicht. Der WWF hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich auf den Buckel der Wirtschaft zu setzen und ihr die Vorteile einer ökologischen Ausrichtung ins Ohr zu flüstern – Hauptsache, diese findet statt. Nicht Pionierprojekte sind ihre Sache, sondern Ökomainstream. Allerdings formulierte Meier eine Bedingung: „Grüne Produkte brauchen Wachstum“. Es ist klar: wenn ich an meiner finanziellen Zukunft zweifle, fahre ich mit meiner alten Dreckschleuder weiter herum und ersetze sie nicht durch die ökologischere Variante.

Hier kommt nun plötzlich der volkswirtschaftliche Horizont wieder ins Spiel – wohl anders, als eingangs zitiert. Es ist aber nicht zu übersehen, dass derzeit weltweit Energieeinsparungen im Gang sind, wie sie von keiner staatlichen oder WWF-Kampagne je erreicht worden wäre. Allerdings durch die Rezession erzwungen. Aber gäbe es nicht auch freiwillige Austerity-Programme?

Dafür votierte der Journalist Hanspeter Guggenbühl mit der Forderung: „Steigern wir unsere Konsum-Effizienz!“ Also vier Personen in ein Auto, nicht nur 1 – 1.5. Anschaulich war sein Stock-Beispiel: Wer „korrekt“ Sport betreibt, braucht eine ganze Anzahl von Stöcken: für Langlauf, Abfahrt, Nordic Walking, Bergwandern. Jeder dieser Stöcke könnte nun ökologisch perfektioniert werden. Die Einsparung wäre aber längst nicht so gross, wie wenn man nur eine Art von Stöcken verwenden würde – sie bräuchte nicht einmal ökologisch produziert zu sein. In diesem Sinn musste sich bereits Max Renggli die Frage stellen lassen, ob der ökologische Effekt der optimierten Häuser mehr als aufgefressen werde durch das zusätzliche Land, das verbaut wird.

Zweifelt jemand daran, dass grün und fair konsumieren ein Fortschritt ist? Nein, sicher nicht, etwas Zweifel bleiben aber doch, ob Lohas das seligmachende Stichwort ist, mit dem wir die Kurve nehmen werden. Die Tagung war sinnvoll und anregend, gerade auch, weil sie betreffend ökologischem Konsum nachdenklich machen konnte. Moderiert wurde sie vom Geschäftsleiter PUSCH, Ion Karagounis. Mit so vielen Referenten hatte er die Aufgabe eines Flohzirkus-Direktors, der ständig aufpassen muss, dass keiner zu weit über seine Zeitlimiten hüpft. Er hat es – mit seinem gesamten Team - gut gemacht. Vielen Dank!

Matthias Wiesmann, bionetz.ch/ 09.03.2009

Hier lesen Sie den offiziellen Medienbericht vom 05.03.2009

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