Anfang Januar haben wir in einer Glosse Preise thematisiert. Speziell aufs Korn genommen haben wir die marokkanische Rispentomaten-Aktion (mit Knospe) bei Coop. Coop hat uns nun sozusagen postwendend geantwortet.

Die Antwort bestand in einem Porträt der Lieferfirma Idyl-Soprofel, die sich den BSCI-Richtlinien verschrieben habe: "BSCI steht für Business Social Compliance Initiative und bedeutet, dass sich das Unternehmen an soziale und arbeitsrechtliche Mindestanforderungen hält – dazu gehören Mindestlohn, Arbeitszeiten-Regelungen, bezahlte Überstunden, Beschwerderecht und vieles mehr." Das erheischt Respekt. Coop weiter: "Bei Amal Lakhal zeigt sich, was Abkürzungen und Schlagworte tatsächlich bedeuten." Dieser Mitarbeiter wird wörtlich zitiert: "Dadurch hat sich das Leben meiner Familie, für die ich aufkomme, merklich verbessert".

Das wollen wir nicht anzweifeln und freuen uns darüber – fragen aber doch: Wissen wir jetzt wirklich mehr? Arbeiter zitieren ist das Eine. Etwas Anderes ist die Erklärung von Abkürzungen und ihrer Zusammenhänge, sonst bleibt eine solche Darstellung eben doch schlagwortartig.

In ihrer Selbstdarstellung schreibt BSCI: "Die BSCI ist eine europäische, branchen-übergreifende Initiative von Einzelhandelsunternehmen und importorientierten Produzenten." Auch Lidl wirbt mit BSCI-Mitgliedschaft – und wurde in diesem Zusammenhang von der Verbraucherzentrale Hamburg verklagt. Auf der CSR-Website wird berichtet: 'Lidl weist in der Öffentlichkeit auf seine Mitgliedschaft bei der Business Social Compliance Initiative (BSCI) hin, erwecke so den Eindruck von Verantwortungsübernahme in seiner Supply Chain und übertünche mit diesem 'Social Washing' die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern. 'Lidl täuscht mit seiner Werbung die Verbraucher.'" Und: "Die Verbraucherzentrale richtet ihre Vorwürfe indirekt auch gegen die Business Social Compliance Initiative (BSCI) selbst. Die europäische Unternehmensinitiative habe zum Ziel, bestimmte Sozialstandards bei ihren Lieferanten zu erreichen, doch eine Verpflichtung bestehe diesbezüglich nicht. Eine BSCI-Mitgliedschaft verleihe Unternehmen den Anschein fairer Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferbetrieben und erfreue sich daher zunehmender Beliebtheit."

Einerseits müssen ehrlich gemeinte Versuche, die sozialen Bedingungen in schwach entwickelten Produktionsländern zu verbessern, auf jeden Fall unsere Unterstützung finden. Andererseits bleibt die Tatsache, dass es im Sozialen nie nur "gut" oder "schlecht" gibt. Wir können uns die Überlegungen machen, was von 2.35 CHF für ein Pfund Tomaten auf der allerersten Stufe bleibt. Immerhin sind neben dem Produktionsarbeiter eine Produktionsfirma, eine Exportfirma, verschiedene Transportfirmen, eine Importfirma und schliesslich Coop beteiligt. Wenn die letzte Stufe 1/4 bis 1/3 des Gesamtpreises beansprucht, bleiben für die vorangehenden Stufen noch 1.60 bis 1.70. Aber selbst wenn wir die Detailzahlen kennen, wissen wir noch nicht, ob die Teilbeträge für ein nachhaltiges Überleben ausreichen. Vielleicht ist das Wenige (aus unserer Sicht) für den marokkanischen Familienvater tatsächlich ein gutes Einkommen.

Und hätten wir einmal diese Fragen einigermassen befriedigend beantwortet, kommt eine andere hinzu: was bedeutet ein Tomatenpreis von 2.35 pro Pfund für das Preisbewusstsein von Schweizer KonsumentInnen. Es ist ja naheliegend zu denken, dass unsere Tomaten im Sommer noch billiger sein müssten, da sie ja nicht so weit hergeholt sind. Im normalen Bewusstsein ist immer der tiefste Preis der richtigste, an dem alle anderen gemessen werden. Und so schlecht sind die marokkanischen Tomaten vermutlich nicht, dass Bio Suisse als Antwort auf hohe Schweizer Produzentenpreise einfach sagen könnte: wir fahren halt eine Qualitätsstrategie.

Im folgenden Abschnitt nennen wir die verschiedenen Quellen, die diesem Bericht zugrundeliegen.

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