„Grüne Milch“

Ws. / LID - Eine Kuh frisst Gras. Das weiss (fast) jedes Kind – man sieht es ja auch, wenn man über Land geht. Für die meisten unsichtbar bleibt, was sonst noch an Kraftfutter in die Futterkrippe gelangt. Und weil auf Biohöfen mittlerweile alles Futter „bio“ sein muss und in der Schweiz zu wenig Einweiss in Bioqualität produziert wird, kommt es aus Brasilien.

KonsumentInnen waren geschockt und fühlten sich reingelegt, als sie die Diskrepanz zwischen schönen Bildli in Bioprospekten und Realität realisierten. Dann lieber regional konventionell als bio mit Importen aus Entwicklungsländern, ereiferte sich eine Konsumentin sichtlich enttäuscht.

So machten die „interessierten Kreise“ denn das Sanitätskästchen auf und holten einige Pflästerli hervor. Marke der Pflästerli: Basler Kriterien. Diese sollen dafür sorgen, dass das brasilianische Futter ökologisch und sozial angebaut wird. Man besinnt sich nicht auf die Natur der Kuh und die Natur der Schweiz. Schliesslich stehen Turbokühe im Stall, welche der vaterländischen Pflicht nachkommen, Überschüsse zu produzieren. Wenn man diesen nun plötzlich das Kraftfutter verweigerte, bekämen sie Bauchweh und würden krank. Vor allem würden sie nicht mehr so viel (d.h. zu viel) Milch produzieren.

Wäre es für die Schweizer Biobauern nicht eine Profilierungsmöglichkeit gewesen, laut zu verkünden: unsere Kühe fressen (nur) Gras – gewissermassen als Helden der Natur im Unterschied zu den Helden des Importfutters? Man propagiert zwar „feed no food“. Aber ein solcher Slogan packt nicht an der Wurzel an, der Tierzucht und -ernährung.

Diese Kritik ist überhaupt nicht neu. Mit dem Slogan „Vollgas oder Vollgras“ brachte es beispielsweise der Landwirt und Berater Eric Meili längst auf den Punkt. Bewegt hat sich unseres Wissens wenig. In einem Projektbericht bringt Meili 2002 das zentrale Problem zur Sprache:

„Natürlich sind noch längst nicht alle Massnahmen umgesetzt, weil die Liste der Massnahmen doch so ziemlich alles, was den Bauern bis jetzt so lieb und gut war, über den Haufen geworfen werden musste.“ Das ist wohl auch der Grund, weshalb Bio Suisse nicht sehr viel mehr Druck in Richtung Rauhfutter-Fütterung machte. Sie braucht ja mehr Bauern, um die Marktbedürfnisse zu befriedigen. Deshalb rechnet sie ihnen vor, dass Biolandwirtschaft wirtschaftlich rentabel ist. Von den Umstellern gleich noch grundlegende Änderungen zu fordern, hätte Abschreckungs- und nicht Werbewirkung.

Lieber überlässt man eine solche Kampagne nun IP-Suisse. Nachdem IP-Suisse bereits mit einem Biodiversitätsprojekt grün gepunktet hat, ist nun „Grüne Milch“ auf dem Programm, wie der Landwirtschaftliche Informationsdienst berichtet: „Futterbauexperte Peter Thomet fordert ein Umdenken: Milch aus Gras und Heu sei nicht nur ökologischer, sondern auch qualitativ besser. Die IP-Suisse will in Kürze eine solche Grasmilch lancieren.“ Thomet hält fest: "Kühe können ihren Nährstoffbedarf fast vollständig mit Graslandfutter decken." Heute verfolgten die Bauern aber eine Hochleistungsstrategie, bei der es einzig darum gehe, möglichst viel Milch pro Kuh und Jahr zu produzieren. Deshalb habe der Einsatz von Kraftfutter in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, zumal dessen Einfuhr wegen Zollabbaus billiger wurde. So können Bauern dank zugekauftem Kraftfutter mehr Tiere halten, ohne über die hierfür nötige Futterfläche zu verfügen. "Eine Hors-Sol-Produktion ist das", erklärt Thomet. Als Folge werde eine austauschbare Massenmilch produziert, die sich wegen des zunehmenden Kraftfuttermittel-Einsatz bald nicht mehr von ausländischer Milch unterscheide. Für Thomet ist klar: "Damit sägen wir am eigenen Ast."

Gemeint ist der Ast der Schweizer Qualität und der Exportchancen. Ausserdem gibt es aber noch den Bio-Ast. Wenn es IP-Suisse gelingt, die Marktlücke „Grüne Milch“ erfolgreich zu besetzen, dann reduziert sich die Differenzierung zwischen bio und „konventionell“ weiter. Und die zitierte Konsumentin kann mit noch mehr Recht sagen: lieber regional als bio.

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