Wer glaubt, es gebe nichts Edleres als regionale Produkte, der wird wenig Verständnis für Veredelung aufbringen. Wir wissen ja inzwischen: ein Produkt darf die ganze Schweiz umrundet haben. Wenn es - "veredelt" - wieder an seinem Ursprungsort eingetroffen ist, trägt es gerne die Bezeichnung "regional". Wer postuliert "Von der Region - für die Region" behauptet ja nicht, dass das Bündner Milchprodukt nicht in Basel abgefüllt werden darf. Hauptsache, es wird wieder im Bündnerland verkauft. Das wäre nun ein harmloses Beispiel. Es gibt andere. Emmi importiert Butter aus Holland – trotz Butterberg. Schweizer Käsereien führen Milch aus Deutschland ein – trotz Milchüberfluss. Der Veredelungsverkehr treibt ungewohnte Blüten.

Von Eveline Dudda

Die sommerliche Hitzewelle konnte den Schweizer Butterberg nicht zum Schmelzen bringen. Die Butterlager waren gefüllt wie nie zuvor. Trotzdem hat Emmi in dieser Zeit Butter aus Holland importiert. Zwanzig Tonnen waren es bis Mitte Jahr, hundert bis hundertfünzig Tonnen könnten es bis zum Jahresende werden. Das ist zwar nicht viel, doch angesichts des zehntausend Tonnen schweren Butterlagers dürfte das vielen Milchproduzenten wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen.
Mit der Importbutter stellt Emmi Schmelzkäse für den Export her. Weil Schmelzsalze und andere Zusätze eine Fettdepression bewirken, wird dem Schmelzkäse zum Ausgleich Butter hinzugefügt. Gemäss deutscher Käseverordnung muss Schmelzkäse ohnehin nur zur Hälfte aus Käse bestehen. Die Butter in Emmis Schmelzkäse wird im Veredelungsverkehr importiert, während der Käse aus der Schweiz stammt.

Schmelzkäse ist nicht wie Schoggi

"Emmi wäre daran interessiert, auch für dieses Export-Produkt Schweizer Butter zu verwenden", erklärt Emmis Mediensprecherin Sibylle Umiker "sofern diese zu EU-Konditionen bezogen werden könnte." Schmelzkäse steht im harten Preiswettbewerb, weil er sich nicht im Hochpreissegment befindet. Butter ist in der Schweiz rund doppelt so teuer wie in der EU. "Die Verwendung von Schweizer Butter zum ordentlichen Preis würde dieses Geschäft vollständig zum Erliegen bringen", macht Umiker klar.
Ohnehin ist der Export von Schweizer Schmelzkäse rückläufig: Vor zehn Jahren wurden noch rund 6'000 Tonnen exportiert, letztes Jahr waren es nur noch 2'800 Tonnen. Umiker: "Für das laufende Jahr sind aufgrund des starken Frankens noch schwächere Zahlen zu erwarten." Im ersten Halbjahr 2011 machte Schmelzkäse etwas mehr als vier Prozent der Käseexporte aus, das waren 1'200 Tonnen mit einem Warenwert von rund acht Millionen Franken die in 24 verschiedene Länder exportiert wurden.
Weil Schmelzkäse nicht unter das Schoggigesetz fällt, gibt es dafür weder einen Rohstoffkostenausgleich vom Bund noch einen Beitrag aus dem Interventionsfonds der Branchenorganisation Milch (BOM). Umiker: "Bis Ende 2009 wurden aus dem SMP-Milchstützungsfonds Beiträge für Butter in exportiertem Schmelzkäse bezahlt, um den Veredelungsverkehr zu verhindern. Heute gibt es keinen solchen Fonds innerhalb der Branche. Die Alternative wäre, diese Butter zum Weltmarktpreis einzukaufen." Dazu müsste mindestens die von der BOM beschlossene Butterabräumung endlich umgesetzt werden. Umiker: "In der BOM konnte aber bis zum jetzigen Zeitpunkt keine Lösung gefunden werden." Folglich wird weiterhin Butter importiert.

Veredelung: Aktiv und passiv

Beim aktiven Veredelungsverfahren werden Waren zur Veredelung vorübergehend ins Zollgebiet der Schweiz gebracht, das erfolgt in der Regel zollfrei. Beim passiven Veredelungsverkehr wird die Ware ausserhalb des Schweizer Zollgebietes behandelt oder verarbeitet. Der dabei entstehende Mehrwert muss je nach Bewilligung verzollt werden. Im aktiven Veredelungsverkehr unterscheidet man zwei Prinzipien: Beim Nämlichkeits- oder Identitätsprinzip entsprechen die vorübergehend eingeführten Waren exakt den später ausgeführten Erzeugnissen. Beim Äquivalenzprinzip sind für den Re-Export lediglich Waren derselben Qualität und Beschaffenheit vorgesehen, der Rohstoff kann unter bestimmten Bedingungen also ausgetauscht werden.

Bayerntaler – made in Switzerland

Neuerdings wird deutsche Rohmilch importiert. Nicht um die Schweizer Milch zu ersetzen, sondern um deutschen Käse daraus herzustellen. Das macht seit kurzem die Käserei Imlig in Oberriet. Wie es dazu kam, wollte Käser Urs Imlig nicht verraten: "Wir geben keine Auskünfte."
Für seinen Kunden, die deutsche Genuss-Käserei Zott in Mertingen (D), ist die Käseproduktion über die Schweizer Grenze hinweg noch ein Novum. Zotts Kommunikationsverantwortliche Caroline Fritz: "Bisher ist der Bayerntaler kräftig-würzig das einzige Produkt, das in der Schweiz hergestellt wird." Zott preist den Bayerntaler im Verkauf mit den Worten "In der Schweiz gekäst und gereift" an.
Dass der Käse in der Schweiz produziert wird, hängt mit der Menge zusammen, wie Fritz erklärt: "Für die für unseren 'Bayerntaler kräftig-würzig' benötigte Milchmenge bietet sich aus wirtschaftlichen und produktionstechnischen Gesichtspunkten eine Produktion in einer bestehenden, für diese Produktion ausgestatteten Molkerei an." Zehn Millionen Kilo Milch im Jahr sind einfach zu wenig, um in einer deutschen (Gross-) Käserei wirtschaftlich verarbeitet zu werden.
Imlig hilft diese Menge dagegen seine Anlagen auszulasten. Weil Zott den Bayerntaler kräftig-würzig mit "Bayrischer Bergbauernmilch" auslobt, darf die bayrische Bergbauernmilch nicht gegen Schweizer Milch ausgetauscht werden. Deshalb erfolgt der Veredelungsverkehr nach dem "Nämlichkeitsprinzip": Sämtliche Veredelungsprodukte werden ausschliesslich aus der eingeführten Milch hergestellt. Und sämtliche Nebenprodukte müssen auch wieder ausgeführt werden. Ansonsten wird der Einfuhrzoll erhoben. Eine Kontrolle der Oberzolldirektion hat kürzlich offenbar ergeben, dass die strikte Trennung der Warenflüsse eingehalten wird.

Preislich im Rahmen

Wenn ausländische Milch verkäst wird, zahlt der Bund keine Verkäsungszulage. Der Wert der deutschen Importmilch liegt bei 49 Rappen pro Kilo, das entspricht einem Schweizer Milchpreis von 64 Rappen (wenn man die Verkäsungszulage von 15 Rappen berücksichtigt). Imlig und manche andere Schweizer Käsereien zahlen ihren Produzenten derzeit einen tieferen Milchpreis aus.
Die unverbindliche Verkaufspreisempfehlung für den Bayerntaler kräftig-würzig liegt in Deutschland bei 2,79 bis 2,99 Euro fürs 200-Gramm-Päckli, was einem Kilopreis von umgerechnet 16 bis 18 Franken entspricht. Für deutsche Verhältnisse liegt der Käse damit eher im oberen Preissegment.
Dass eine Schweizer Käserei für eine ausländische Firma Käse herstellt, ist bislang selten. Neben Imlig ist auch noch die Käserei Säntis in Wittenbach in dieses Geschäftsmodell eingestiegen. Beide Unternehmen haben bis Ende Jahr eine Bewilligung für den Import von gesamthaft zehn Millionen Kilo deutscher Bergmilch und 2,7 Millionen Kilo Biomilch. Es handelt sich also um Nischen. Diese Nischen liegen im "aktiven Veredelungsverkehr", was bedeutet, dass die Wertschöpfung in der Schweiz stattfindet. Das ist auch der Fall, wenn z.B. österreichischer Rahm in der Schweiz in Kaffeerahmportionen abgefüllt wird. Oder wenn Molkenkonzentrat eingeführt und später in Form von Ovomaltine wieder ausgeführt wird.

Kontrollierter Grenzverkehr

Veredelungsverkehr ist grundsätzlich bewilligungspflichtig. Heinz Eng von der Oberzolldirektion betont: "Es handelt sich dabei um ein überwachtes Zollverfahren." Wer die Bewilligung bekommt, muss regelmässig Abrechnungen bei der entsprechenden Zollstelle einreichen und mit den entsprechenden Rezepturen, bzw. Fabrikationsrapporten nachweisen, was wie verarbeitet worden ist. Vor Ort sind jederzeit möglich.
Ab 2012 müssen beim passiven Veredelungsverkehr keine "wirtschaftlichen Interessen" mehr berücksichtigt werden. Eng: "Eine Verarbeitung von Schweizer Milch oder Rahm im Ausland lässt sich dann nur noch verhindern, wenn es um höhere öffentliche Interessen geht wie z.B. Seuchenprophylaxe oder Gesundheitsvorsorge." Bislang hat die Branche noch ein Mitspracherecht. Sie kann z.B. Gesuche ablehnen, wenn im Inland die entsprechenden Kapazitäten vorhanden wären.

Vermeintliche Exporterfolge

Der Veredelungsverkehr ist nicht nur schlecht, er ist auch nicht per se gut. Auf jeden Fall verfälscht er die Statistik. Denn die Treuhandstelle Milch, TSM, kann den aktiven Veredelungsverkehr nicht separat ausweisen. Deshalb tauchen sowohl die deutsche Milch, die zu deutschem Käse verarbeitet wurde, als auch der Schmelzkäse mit der holländischen Butter als Exporterfolge in der Statistik auf.

 Quelle: LID 16.9.2011

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