Bioszene Schweiz gestern, heute, morgen

Tagungsbericht von Peter Jossi, bionetz.ch


Ohne Herkunft keine Zukunft“, der Wahlspruch des Schweizer Bauernverbands kann auch für die Schweizer Biobranche gelten. Der programmatische Blick der Tagung über die Entwicklung der letzten 25 Jahre und Jahrzehnte diente auch dem Ziel, den Blick in die Zukunft zu schärfen. Dieser ist mit der Herausforderung verbunden, sowohl inhaltlich, strategisch wie auch personell-bio-graphisch den Sprung in die Zukunft zu schaffen.

Mit den thematischen Tagungsstichwörtern „gestern, heute, morgen“ und „vom Hof auf den Teller“ ist mehr als ein historischer und oft biographischer Rückblick im Sinne von „wie war es damals?“ verbunden. Ins Zentrum rückt angesichts dringlicher anstehender oder bereits erfolgter Nachfolgeregelungen in vielen Pionierbetrieben die Frage „... und wie geht es jetzt weiter?“ Diese Frage stellt sich entlang der ganzen Wertschöpfungskette für gewerbliche und industrielle Verarbeitungsbetriebe ebenso wie für den Grosshandel und Biofachhandel. Die oft rein technisch verwendete Zielsetzung „Rückverfolgbarkeit und Identität - vom Hof auf den Teller“ erhält in diesen Zusammenhängen eine existenzielle Note. Die Tagung und insbesondere die Beiträge der Referenten – tatsächlich waren es alles „Bionier“-Männer der Biobranche – leistete einen wichtigen Grundlage für die Spurensuche nach der ursprünglich gesuchten Identität der Biobranche in der Schweiz und international.

Matthias Wiesmann, dem die Organisation und Durchführung der wichtigen Branchentagung zu verdanken ist, gab zu Beginn einen Einblick in den schwierigen Rollenwechsel der „Bioniere“. Vor rund 30 Jahren entwickelte sich die Biobranche aus den Anfängen der landwirtschaftlichen Direktvermarktung und „schwamm“ oft dank fachlichen Quereinsteigern zu neuen Ufern, sprich dem Aufbau eigener Verarbeitungs- und Handelsstrukturen. Die offizielle Landwirtschaftspolitik wollte ebenso wenig von einer „so genannten Bioqualität“ wissen wie die Forschung und Lehre. Nicht überraschenderweise interessierte sich die klassische Lebensmittelbranche nicht für Bioprodukte. Immerhin wurde die Konkurrenz wahrgenommen und als Angriff auf bestehende Sortimente bekämpft. Immerhin, denn die parallel entstehende Fair Trade-Bewegung – Stichwörter „Banananfrauen“, „3. Welt-Läden“ - fand nicht einmal diese Art von negativer Anerkennung, sondern wurde schlichtweg belächelt.

Heute sind die Bio- und Fair-Trade-Sortimente Teil umfassender Nachhaltigkeitskonzepte und entsprechender Produktpaletten der Grossverteiler. Für WWF Schweiz und KonsumentInnenschutz (SKS) sind die Angebote im Biofachhandel mittlerweile so unbedeutend, dass sie in ihren Labelratings nicht einmal darauf eingehen. Die Angebotsvielfalt mit den vielen Biolabels und Biomarkenprodukten sei „zu kompliziert“ für eine Bewertung, wie offen zu gegeben wird. Dass es auch ein Leistungsausweis sein könnte, ein Fachgeschäft mit einem Vollsortiment an Bio- Fair-Trade und weiteren Spezialitäten mit nachhaltigem Mehrwert zu führen, wird gar nicht mehr wahrgenommen. Zu Recht warf Matthias Wiesmann denn auch die Frage in die Fachrunde, ob die ehemaligen Pioniere zum 5. Rad am Wagen oder zu unverzichtbaren Nischenanbietern geworden sind?

Alfred Schädeli kam die Aufgabe zu, den Bogen „Biolandwirtschaft vor 50, vor 25 Jahren und heute“ zu spannen, auch wenn er diese Zeitspanne rein bio-graphisch selber nicht ganz überblicken kann. In seiner Jugend erlebte er zumindest noch Teile der landwirtschaftlichen Bionier-Generation. Eindrücklich beschrieb er die Situation vor rund 25 Jahren, als die Biohöfe vielfach noch Zentren ideeller und wirtschaftlicher Art waren und jeder Betrieb sein ganz spezifisches soziales Umfeld aufbauen musste, das letztlich dann auch für die Abnahme der Bioprodukte sorgte – aber nicht nur dafür. Schädeli stellte fest, dass viele Biobetriebe heute zu reinen Produktionsbetrieben geworden sind, die keinen Bezug zu ihrer KundInnen mehr pflegen, ob nun gewollt oder infolge der „Professionalisierung“ der Vermarktungswege. Der Bezug zur Produktgeschichte muss heute über technische Rückverfolgbarkeit und Marketinggeschichten und Labelratings hergestellt werden. Ein interessanter Aspekt: Gerade im jungen urbanen Umfeld wächst wieder das Bedürfnis nach echter Auseinandersetzung mit der Lebensmittelerzeugung – Stichwort „Urban Agriculture“ – ein Retrotrend oder eine richtungsweisende Zukunftsentwicklung?

Noch vor dem Einstieg der Grossverteiler lancierte Thomas Vatter zu Beginn der 90er Jahre den „Logische Supermarkt Vatter“ und hat damit ein wichtiges Kapitel des schweizerischen Biodetailhandels geschrieben. Das Vatter-Angebot ging zeitweise weit über den Detailhandel hinaus in die Biogastronomie und Biotextilien bis zu verschiedenen natürlichen Wellness-Angeboten. Der langjährige Erfolg des „Flaggschiffs“ Bio-Supermarkt Vatter weckte Branchenerwartungen zur Entwicklung unabhängiger Bioketten in der Schweiz. Dass sich diese nicht oder nur in sehr bescheidenem Mass realisieren liessen, hat mit der flächendeckenden Präsenz von Bio- und Nachhaltigkeitssortimenten in verschiedensten Kanälen zu tun, worunter auch Vatter mit seinem in vielerlei Hinsicht – jedoch nicht bezüglich Lieferlogistik - idealen Standort zu leiden hatte. Welche Chancen sieht Thomas Vatter nach der Eröffnung eines kleineren Biofachgeschäfts im Quartier? Für ihn steht das Stichwort „Vertrauen“ im Zentrum. Das unabhängige Biofachgeschäft müsse sich mit glaubhaften Sortimenten mit Mehrwert positionieren, z.B. mit Bioprodukten aus der Region oder Artikeln, die auf besondere Kundenbedürfnisse eingehen. Die Frage nach dem besten Biolabel rücke dabei in den Hintergrund, denn Qualitätsprodukte müssten letztlich für sich selber überzeugend wirken.

Toralf Richter lieferte umfassende Daten und Hintergrundanalysen zur Situation des Biofachhandels. Mit seinen Anliegen sei der Biofachhandel längst nicht mehr allein, so Richter. Auf der einen Seite haben die Grossverteiler professionalisiert, was die Ladenpioniere initiiert hatten. Sie haben von Fairtrade, Regionalität, Bio bis Slowfood alle ideellen Anliegen aufgegriffen, mit denen die Ladenpioniere einst allein waren. Heute sehen sich die Läden zusätzlich durch verschiedenste Direktvermarktungsformen (Internet / ab Hof, Vertragslandwirtschaft usw.) bedrängt, mit denen es nur in Ausnahmefällen zu vertieften Kooperationen kommt – bis jetzt. Ob der klassische Bioladen eine Zukunft hat, hängt in erster Linie davon ab, wie sich die einzelnen Läden positionieren und ob sie dies an für sie geeigneten und gleichzeitig erschwinglichen Standorten tun können.

Für Viktor Kambli, aus der berühmten Backwarendynastie stammend, war der Weg in die Milchverarbeitung nicht vorgezeichnet, wo er dann nach einigen Umwegen doch landete und seit bald 25 Jahren tätig ist. Am Anfang stand die Notwendigkeit des jungen Biofachhandels nach verarbeiteten Produkten in Mengen, welche die Hofverarbeitungsküchen der Biohöfe nicht bewältigen konnten, die aber für die Lebensmittelindustrie noch lange nicht die minimalen Chargengrössen erreichten. Die Biomilk AG wurde zu einem „gewerblichen Spezialisten“ und Innovator im Bereich eines breiten Sortiments an verarbeiteten Milchprodukten. In Spannungsfeldern zwischen gewerblicher und industrieller Verarbeitung einerseits und den Ansprüchen von Grossverteiler- und Fachhandelskunden andererseits steht die kleinindustrielle Molkerei noch heute. Zwar kann das Unternehmen mit Qualitätsprodukten Nischen bedienen, wird aber gleichzeitig an der Professionalität grossindustrieller Hersteller gemessen. Gleichzeitig kann die Biomilk AG nicht vom neuen Regio-Trend profitieren, da sie als nationaler Lieferant wahrgenommen wird und auch auf diese Vermarktungskanäle ausgerichtet ist. Die Biomilk AG steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Bioverarbeitungsbetrieben, die nicht klar der gewerblichen oder der industriellen Betriebsstruktur zuzuordnen sind. Auch hier steht die Frage an: Wie geht es nun weiter?

„Visionen und Realitäten der Weiterentwicklung“, so der Programmteil zum Ausblick in die Zukunft. Zu vorsichtiger Hoffnung gaben die für viele TeilnehmerInnen neuen Ausführungen von Urs Mantel „Die europäischen Perspektiven der Bio Development Holding“ Anlass. Verschiedene auf der Linie Dänemark – Holland - Schweiz - Sizilien vernetzte Projekte (natürlich inkl. Deutschland und Italien) zeigen umfassende und weit vernetzte neue Kooperationsformen auf, aus denen auch zukunftsgerichtete Lösungen entstehen können. Diese Entwicklungsprojekte und Angebote des Biogrosshandels allein können natürlich nur dann Erfolge zeigen, wenn sich dies auf der Bio-Verkauffläche in Umsatzzuwachs übersetzen lässt. Diese Fragestellung vertiefte auch das Referentengespräch zur Frage „Hat der Biofachhandel noch USP?“ unter Mitwirkung von Andreas Jiménez, CEO BioPartner Schweiz, und kritischen Anmerkungen der Tagungs-TeilnehmerInnen. Eine gemeinsame Basis konnte in der Überzeugung gefunden werden, dass eine technische Kooperation allein – etwa im Bereich Logistik und Warenbewirtschaftung – die Unabhängigkeit des einzelnen Bioladens nicht gefährdet, sondern ebenso eine schlichte Notwendigkeit darstellt, wie ein einigermassen wiedererkennbarer Auftritt des Biofachhandels. In Zeiten der App für alles und jedes droht der Biofachhandel ansonsten schlichtweg vom Aufmerksamkeitsradar der Käuferschaft zu verschwinden. Ob „Echt Bio“ dazu der richtige Ansatz ist – bereits hier gingen die Meinungen wieder auseinander. Wo liegt die Balance zwischen austauschbarer Filialisierung, sinnvoller Kooperation bei gleichzeitig eigenständiger Sortimentsleistung?

Bei der Suche nach einer an die realen Verhältnisse angepassten Zukunftslösung hilft die ebenso bekannte wie simple Tatsache, dass die Schweiz weder mit Deutschland noch mit Italien vergleichbar ist. Einen echten Lichtblick ermöglichte der Auftritt von Fabio Brescacin „Wir haben Perspektiven!“. Der Geschäftsleiter des Grosshändlers Ecor NaturaSì berichtete von den drei erfolgreichen Vermarktungsschienen, die in den letzten Jahren entwickelt wurden. Der modulhafte Aufbau der Kooperationsformen liefert echte Bio-Ideen für die Suche nach Schweizer Lösungen, jenseits von Filialisierung und illusionärer Vollselbständigkeit. Ecor NaturaSì bietet zwei unterschiedlich vertiefte Kooperationsformen. Das Franchise-System „Cuore bio“ bietet Unterstützung bei der Ladengestaltung und der Sortimententwicklung, verbunden mit einem wiedererkennbaren gemeinsamen Marktauftritt. Ein weiteres Kooperationsmodell besteht mit der Bio-Supermarktkette NaturaSì. Darüber hinaus wird nach wie vor auch eine Vielzahl eigenständiger Biofachgeschäfte beliefert, die Unterstützung nach Wunsch und Bedarf erhalten.

Die Schweiz liegt bekanntlich zwischen Deutschland und Italien. Mit „Echt Bio“ allein scheint das Schweizer Bioherz nicht warm zu werden. Die deutsche Systematik und das italienische Feuer für die Sache lassen sich aber auch in der Schweiz finden. Für die Entwicklung von Schweizer Zukunftslösungen muss also die Frage nach dem „Cuore Bio della Svizzera“ beantwortet werden – und zwar in allen Landessprachen!

Eine Dokumentation zur Tagung ist in Vorbereitung. Interessierte wenden sich an Matthias Wiesmann. "Kosthaus Lenzburg" wurde als Kultur- und Tagungsort von der CoOpera Sammelstiftung geschaffen. Ein Video informiert über ihre Engagements.

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