Bio-Lebensmittel sind so beliebt wie nie zuvor. Vom Boom profitieren vor allem Coop und Migros, die märchenhafte Wachstumszahlen erzielen. Der Bio-Fachhandel hingegen kämpft mit sinkenden Marktanteilen und stagnierenden Umsätzen.
Von Michael Wahl. Landwirtschaftlicher Informationsdienst

Nach fast 20 Jahren kam das Aus. Im April 2011 musste Thomas Vatter seinen Bio-Laden schliessen. "Das war der schwerste Schritt in meinem Leben", erklärt Bio-Pionier Vatter. Zu schaffen machten ihm eine umständliche Logistik, die hohe Kosten verursachte, sowie rückläufige Umsätze. "Wir sind von immer weniger Kunden aufgesucht worden und diejenigen, die noch gekommen sind, haben für weniger Geld eingekauft." Vatters Geschäft war nicht irgendein Bio-Laden in einer Agglomerationsgemeinde, sondern der erste Bio-Supermarkt der Schweiz – 1992 eröffnet, lokalisiert in der Berner Altstadt an bester Lage, nur wenige Meter von Bundeshaus und Bahnhof entfernt.

Bio-Fachhandel profitiert nicht vom Bio-Boom

Die Schliessung von Vatters Bio-Supermarkt ist bezeichnend für den Biofachhandel. Während die Verkäufe von Bio-Lebensmitteln bei den Grossverteilern in den letzten Jahren geradezu explodiert sind, treten Reform- und Bioläden an Ort (siehe Grafik). So erwirtschafteten sie im Jahr 2010 einen Umsatz von 289 Mio. Franken, was gegenüber 1997 zwar einem Plus von 157 Prozent entspricht. Coop hat im gleichen Zeitraum die Verkäufe von Bio-Lebensmitteln um 476 Prozent auf 800 Mio. Franken gesteigert; die Migros erzielte 2010 einen Umsatz von 416 Mio. Franken, 495 Prozent mehr als 1997. In dem Masse, wie die beiden Grossverteiler zugelegt haben, hat der Bio-Fachhandel an Marktanteilen verloren. Kam er 1997 noch auf einen Marktanteil von knapp 38 Prozent, waren es 2010 noch rund 18 Prozent.

Nicht mehr die Einzigen

Wer früher Bio-Lebensmittel einkaufen wollte, konnte dies nur in einem Reform- und Bio-Laden tun. Bei Leuten wie Thomas Vatter, die seit den 1980er Jahren Lebensmittel verkaufen, die von Bauern produziert werden, die keine chemisch-synthetischen Spritzmittel und keinen Kunstdünger auf ihren Äckern einsetzen und die ihre Kühe oft weiden lassen und kaum Kraftfutter geben. Bio war eine Nische, etwas für Idealisten, die besonders naturnah produzierte Lebensmittel schätzten.
Dann stiegen die Grossverteiler ein. Coop nahm 1992 Bio-Produkte ins Sortiment auf, die Migros zog 1995 nach. Inzwischen bieten auch die Manor und Discounter Bio-Lebensmittel an. Mit ihren millionenschweren Kampagnen haben Coop und Migros in den letzten Jahren dazu beigetragen, Bio-Lebensmittel salonfähig zu machen. Davon habe der Bio-Fachhandel zunächst profitiert, erklärt Vatter. Denn das Sortiment der Grossverteiler war anfänglich bescheiden, auf einen Gang ins Spezialgeschäft konnten Bio-Kunden deshalb nicht verzichten. Zudem verfügte der Fachhandel über einen Glaubwürdigkeitsvorteil. Inzwischen haben die Grossverteiler aufgeholt, die einstigen Angebotslücken sind weitgehend geschlossen. Folge: "Konsumenten sind zunehmend nur noch für Ergänzungseinkäufe zu uns gekommen", erklärt Vatter.

Nicht mehr nur Bio

Zu schaffen macht dem Bio-Fachhandel nicht nur der Verlust der einstigen Monopolstellung, sondern ebenso die heutige breite Palette an Labels. Galt es früher zu unterscheiden zwischen biologisch und konventionell hergestellten Lebensmitteln, haben die Detailhändler ihr soziales und ökologisches Engagement verstärkt, so dass heute verschiedene Produktlinien in ihren Regalen stehen, die das Thema Biodiversität aufgenommen haben oder mit Attributen wie "Aus der Region" oder "Fairtrade" werben. So würden heute auch viele angestammte Bio-Kunden zu Produkten der IP-Bauern greifen, erklärt Toralf Richter Agronom und Bio-Marketingexperte. Die Toleranz gegenüber Nicht-Bioprodukten sei grösser geworden. Studien hätten gezeigt, dass Regionalität und Fairtrade den Konsumenten ohnehin wichtiger sei als Bio. Der Fachhandel setzt aber nach wie vor voll auf Bio. "In den letzten 30 Jahren hat sich kaum etwas verändert", so Richter.

Höhere Preise

Dass Bio bei den grossen Detailhändlern boomt und im Fachhandel nicht, hat auch mit den Preisen zu tun. So sind Bio-Lebensmittel in Reform- und Bioläden deutlich teurer. Früher habe man dies mit dem Hinweis "es isch halt bio" rechtfertigen können, so Vatter. Seit die Migros und Coop Bio-Produkte zu tieferen Preisen anbieten, geht das nicht mehr.
Die höheren Preise sind weitgehend strukturbedingt und einem ausgeprägten Individualismus innerhalb der Branche geschuldet. Versuche, die Zusammenarbeit unter den Bioläden zu verstärken, sind stets gescheitert. Gemeinsame Marketingkonzepte sowie Schulungsangebote werden zu wenig genutzt.
So tritt jeder Bio-Fachhändler alleine am Markt auf, bestrebt, ein Sortiment zu führen, das sich von demjenigen des benachbarten Bio-Ladens unterscheidet. Folge: Die gehandelten Mengen sind klein, die Vielzahl an Marken und Herstellern dagegen gross. All das treibt die Verkaufspreise in die Höhe. Dass der Bio-Fachhandel zudem unter einer geringen Kundenfrequenz leidet, hat mit den Standorten zu tun. "Coop und Migros haben die besten Lagen bereits besetzt", erklärt Richter. So blieben dem Fachhandel oft nur die zweitklassigen Standorte.

Neu auch Produkte aus der Region

Thomas Vatter hat seinen Bio-Supermarkt zwar schliessen müssen, runter kriegen lässt sich der Bio-Pionier aber nicht. Noch im gleichen Monat eröffnete er im Berner Kirchenfeldquartier einen neuen Laden. Das Sortiment ist weitgehend das gleiche wie im einstigen Supermarkt. Vermehrt bietet er nun auch Lebensmittel an, die nicht Bio sind, dafür aus der Region stammen. Eine solche Öffnung des Sortiments müsse aber überlegt erfolgen, zumal eine Verwässerung drohe, gibt Vatter zu bedenken. Richter hingegen glaubt, dass die Konsumenten dies nicht so eng sehen. Mit Blick auf die Zukunft erwartet der Marketingexperte eine Konsolidierung der Branche. Den Umsatz werde man halten können, doch diejenigen Läden, die nicht rentieren, würden schliessen.

Quelle: Lid

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