David Joller vom Landwirtschaftlichen Informationsdienst beschert uns - gewissermassen als Wort zu Weihnachten - einen Kommentar zur Agro-Gentechnik unter dem Titel „Ohne Risiko keine Innovation“. Seine Haltung zeugt von der Fahrlässigkeit von Gentechbefürwortern. Weshalb man Zauberlehrlinge nicht einfach gewähren lassen darf, versuche ich mit den folgenden Überlegungen zu zeigen.

Der Kommentar von David Joller

Nach der Bezugnahme auf einen Bericht der Eidgenössischen Ethikkommission kommentiert er: „Ich frage mich nun, ob man in anderen technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften auch so umfassende und aufwändige Abklärungen trifft, oder getroffen hat. Beispielsweise bei der Erfindung des Verbrennungsmotors, oder vor dem Bau der AKWs in Fukushima, oder bei der Einführung des Euro? Seien wir ehrlich, es gibt keine totale Sicherheit. Es gibt keine Innovation und keinen Fortschritt, wenn man kein Risiko eingehen will. Durch ein Null-Risiko Verhalten wird Innovation durch einen Berg voller Abklärungen im Keim erstickt.
Würde man solche Risiko-Abschätzungen auch auf den CO2-Ausstoss anwenden, hätten wir längst ein griffiges CO2-Gesetz, würden in Passivenergiehäusern wohnen, zu Fuss zur Arbeit gehen und Lebensmittel beim Bauern in der Nachbarschaft besorgen.“

Klar, auch ein Taschenmesser ist ein grundsätzlich risikobehafteter Gegenstand. Der Ansatz, alles in eine Reihe zu stellen, vom Verbrennungsmotor bis zur Gentechnologie,

Risiko, Unsicherheit, Ungewissheit

Gerade bei der Gentechnologie ist es sinnvoll, im Anschluss an Frank Knight (1921) die Unterscheidung Risiko, Unsicherheit, Ungewissheit zu machen. Während bei Risiko die statistische Eintretenswahrscheinlichkeit eines Ereignisses (zum Beispiel, auf dem Fussgängerstreifen überfahren zu werden) bekannt und prognostizierbar ist, sind die Gefahren im Fall von Unsicherheit insgesamt zwar ebenfalls bekannt, aber komplexer. Auf einem Bauplatz kann man stolpern, von einem herabfallenden Gegenstand getroffen werden, in eine schlecht gesicherte Grube fallen und vieles mehr. Ob etwas vorfallen wird und allenfalls was, ist unsicher. Ungewissheit herrscht, wenn wir zu wenig Informationen über die möglicherweise eintretenden Ereignisse überhaupt haben. Hier kann man nur Wetten abschliessen, aber nicht prognostizieren. Im Umgang mit Gentechnik haben wir es nicht mit Risiken, sondern mit Ungewissheit zu tun.

Haftung

Es ist also offensichtlich ein Unterschied, ob man angesichts (kalkulierbarer) Risiken oder angesichts Ungewissheit handelt. Ein klares Indiz dafür, dass bei AKWs nicht Risiko, sondern Unsicherheit bis Ungewissheit vorliegt, ist die Abwälzung des Grossteils der Haftung auf den Staat. Wenn absehbar wäre, welche Risiken mit welchen Kostenfolgen eintreten würden, dann könnten Versicherungen die Haftung übernehmen. Sie tun es wohlweislich nicht. Versichern kann man nur absehbare, d.h. kalkulierbare Ereignisse. Bei der Gentechnologie ist es nicht anders. Deshalb möchten die Produzenten die Haftung ja ebenfalls abschieben.

Betroffenheit

Wenn die Folgen des Rauchens nur den Raucher treffen (keine Passivraucher) und er wirklich die Vollkosten allfälliger Therapie, Arbeitsausfälle usw. übernehmen würde, gäbe es keinen Anlass, Rauchen zu behindern. Es ist nun aber einmal so, dass Handeln schnell über individuelle Grenzen hinausgeht und soziale Folgen (positive oder negative) hat. Im Verlaufe der Technologieentwicklung wurde die Reichweite von Folgen immer grösser. Die Auswirkungen von Atomkraft und Gentechnologie sind schlicht nicht mehr begrenzbar. Wenn einige wirtschaftliche Interessierte, wie man so schön sagen mag, bereit sind, Risiken einzugehen, dann ist wenig Heldenhaftes daran, wenn sie nur ihren Kapitaleinsatz von ein paar Millionen riskieren, gesellschaftlich aber Milliardenschäden hinterlassen, soweit die Schäden finanziell überhaupt bezifferbar sind.

Steuerbarkeit

Mit der Überschreitung von Grenzen geht die Steuerbarkeit verloren. Wenn eine bestimmte Quantität physischer Giftstoffe entweicht, dann kann sie entweder eingefangen werden oder die Menge wird bis zur (vermuteten) Unschädlichkeit verdünnt. (Allerdings zeigt zum Beispiel das Beispiel DDT, dass sich Substanzen in der Nahrungskette auch wieder konzentrieren können und wieder sehr schädlich werden können.) Bei Radioaktivität mit den sehr langen Halbwertszeiten ist eine solche Steuerbarkeit (Containment) nicht mehr gegeben. Generationen nach uns werden noch darunter leiden. Definitiv nicht mehr steuerbar sind entwichene Organismen. Varroa sollte eigentlich Warnung genug sein. Es ist schlicht ungewiss, wie ein auch nur leicht modifizierter Organismus sich im Umfeld verhalten wird. Das Überhandnehmen invasiver Arten (Pflanzen und Tiere) illustriert das Problem. Es sind ja nicht nur völlig fremde Organismen, wie Kaninchen in Australien, welche Probleme bereiten, sondern sehr oft ganz nahe verwandte (z.B. bei den Krebsen, Forellen, Bienen usw.)

Folgerung

Wenn die Folgen ungewiss sind, der Kreis der möglicherweise Betroffenen weit über den Kreis der „risikobereit“ Handelnden hinausgeht und keine Steuerbarkeit gegeben ist, dann ist es fahrlässig einfach dazu aufzurufen, man solle doch um der Innovation Willen das „Risiko“ eingehen. Gerade die Beispiele Tschernobyl und Fukushima zeigen ja, dass die Technologiefolgen-Abschätzung von Atomkraft völlig unzureichend war. Das Beispiel CO2 zeigt, dass Massnahmen fasst nicht mehr möglich sind, wenn Technologien einmal eingeführt sind und dementsprechend Lobbies bereitstehen, um jede Korrektur zu verhindern.

Gentechnologie (wie auch andere Technologien) basiert auf völlig unzureichender Erkenntnis der Natur bzw. von Leben. Bis heute hat Wissenschaft nicht verstanden, was Leben ist. Deshalb ist Gentechnologie nicht in der Lage, die Folgen bzw. die Reichweite von Eingriffen in Organismen abzuschätzen. Wer nur gerade eine Technik beherrscht, nicht aber über umfassendes Wissen, ist ein Zauberlehrling. Gentechnologie hat das Zauberlehrlingsniveau noch längst nicht überschritten. Zauberlehrlingen müssen engste Beschränkungen auferlegt werden.

Matthias Wiesmann

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