Die Hoteliers wollen Agrarfreihandel, um tiefere Einkaufspreise zu erzielen. Interessant: es ist nicht die Gastronomie generell, die ausschliesslich von der Bewirtung abhängt, sondern es sind die Hoteliers, die fordern. Obwohl sie den grösseren Teil ihres Ertrags mit Übernachtungen erzielen. Gastronomie gilt in den Ohren von Parlamentariern halt weniger als Tourismus.

Wieder einmal muss der Zeitungsleser selber ausrechnen, wie gross das Problem und wie plausibel die Forderung sein dürfte, und welcher Effekt mit dem Freihandel zu erzielen wäre. Rechnen wir einmal mit frei gewählten Annahmen:

Nehmen wir an, vom Gesamthotelertrag entfielen 30% auf F&B bzw. Küchenleistung (da wären z.B. ein Übernachtungspreis von 200 CHF bei einer Restaurantrechnung von 100 CHF (bzw. Halbpension 300 CHF). Diese Zahlen zeigen schon: man kann auch ganz andere Annahmen treffen. Wir fahren trotzdem weiter: Der Warenaufwand F&B (Küche) sei 30% (=9 CHF). Der Anteil Produkte mit Preissenkungspotential davon sei 50% (ein grosser Teil der Produkte, z.B. Gemüse im Winter, wird heute schon zollfrei importiert). Nun nehmen wir auf dem verbleibenden Rest eine Preissenkung von 20% an. Zwar ist der Preisunterschied zwischen einem Kilo Karotten in Italien und in der Schweiz grösser. Bekanntlich muss die Ware aber von einem in der Schweiz domizilierten Händler mit Schweizer Miete, mit Schweizer Chauffeuren zu Schweizer Löhnen ins Hotel geliefert werden. (Deshalb sind auch Schweizer Aldi-Preise höher als deutsche. Diese Randbedingung wird in der Studie von hotelleriesuisse fahrlässig unterschlagen. Sie rechnet simpel und einfach mit dem Beschaffungspreisniveau umliegender Länder - sozusagen in der stillschweigenden Annahme, auch die Mieten und Löhne der Lebensmittelbeschaffung würden mit einem Agrarfreihandel auf ausländisches Niveau sinken.) Nach meiner Rechnung bleibt deshalb am Schluss eine Preisdifferenz von weniger als einem Franken (von 100). Gerechnet auf die Halbpension wären es weniger als 0.5%. (Hotelleriesuisse:Je nach Szenario resultieren tiefere Preise zwischen 2,4 und 4,7 Prozent.)

Nun gibt es aber noch eine Gegenbuchung:

Ich zitiere (nach LID) die Schweizerische Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor (SALS): Der Tourismus verdanke seinen Erfolg massgeblich der Schweizer Bergwelt und den von den Bauern gepflegten Landschaften. Wenn die Hoteliers nun einen Agrarfreihandel fordern, um günstiger Lebensmittel einkaufen zu können, sägen sie am Ast, auf dem sie sitzen. Denn das Öffnen der Grenzen für Agrargüter gefährdet die Existenz der Bauern. Es sei befremdend, dass der Dachverband hotelleriesuisse, der die Destination Schweiz vermarktet, auf importierte Lebensmittel setzen will.

Etwas bildlicher ausgedrückt: wenn den Bauern die Existenzgrundlage entzogen ist, können die Hoteliers der Tourismusdestinationen Lobby machen, dass sie Flüchtlinge aus Nordafrika beschäftigen könnten (Verpflegung und Unterbringung vom Bund bezahlt), die dann Kühe zu hüten hätten, oder noch einfacher: die dann die Alpen mit dem Rasenmäher traktieren müssten. Selbstverständlich würden diese Hilfskräfte mit Edelweisshemden eingekleidet. Auf der Speisekarte würde weiterhin stehen: „Wir bevorzugen in unserer Küche regional erzeugte Produkte.“ Trotzdem dürfte der Eindruck der Authentizität wohl etwas leiden. - Haben die Hoteliers wirklich nachgedacht?

Man darf aber auch fragen, was die Schweizerische Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor denkt, wenn sie darauf hinweist, dass die Ausgaben eines Hotels nur halb so hoch seien wie die Ausgaben für Löhne. Ein solcher Hinweis kann ja nur bedeuten: dort wäre mehr herauszuholen. Da läge auch SALS ziemlich quer. Die Löhne in Gastronomie und Hotellerie gehören zu den tiefsten in der Schweiz. Im Gegensatz zu den Nahrungsmitteln ist hier der "Freihandel" bereits weitgehend eingeführt. Gerade deshalb sollen mit einer Volksinitiative Mindestlöhne eingeführt werden. Diese dürften für die Gastronomie/Hotellerie viel bedrohlicher sein als die Lebensmittelpreise.

Aber eben: keiner denkt ans Ganze, jeder denkt für sich.

Matthias Wiesmann

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