Das MSC-Programm hat sich im Verlauf der vergangenen Jahre als zentraler Basissstandard für nachhaltige Fischerei etabliert und gleichzeitig eine Marktverbreitung in verschiedensten Kanälen (in der Schweiz z.B. Coop und Migros und weitere Detailhandelsketten). Mit zunehmendem Marktvolumen stellt sich die Frage nach der Leistungsbilanz in bezug auf die gesetzten Nachhaltigkeitzielsetzungen. Eine aktuelle vom Marine Stewardship Council (MSC) in Auftrag gegebene Studie analysiert die „Umweltauswirkungen des MSC Zertifizierungsprogramms“.

Die Studie untersuchte die Umweltleistung von Fischereien während des gesamten MSC-Bewertungsprozesses. Die Analysten, MRAG (Marine Resources & Fisheries Consultants), Poseidon und Meridian Prime, konzentrierten sich auf acht Indikatoren, die während einer Bewertung nach MSC-Standard beurteilt werden: den Bestandszustand, die Referenzwerte für die Population, die Bestandserholung, Beifangarten und zurückbehaltene Arten, gefährdete und geschützte Arten, Lebensräume sowie Ökosysteme.

Messbare Verbesserungen

Die Ergebnisse belegen unter anderem, dass viele der zertifizierten Fischereien nach erfolgter Zertifizierung zu einer Verbesserung der von ihnen genutzten Bestände beitragen, den unerwünschten Beifang reduzieren oder besser über die Auswirkungen ihrer Fischerei auf die Meeresumwelt Bescheid wissen als vor der Zertifizierung. So befinden sich die Hokibestände vor Neuseeland heute wieder auf gesundem Niveau, nachdem die Höchstfangmengen für die zertifizierte Hokifischerei zwischen 2001 und 2009 erheblich von 250.000 Tonnen auf unter 100.000 Tonnen gesenkt wurden. Auch das geschätzte Gesamtvorkommen von Alaska Seelachs im Golf von Alaska nimmt seit der Zertifizierung im Jahr 2005 kontinuierlich zu und die zertifizierte Schleppnetzfischerei auf südafrikanischen Seehecht konnte ihre Beifangraten von Albatrossen um über 80 Prozent senken.

6% mit MSC-Siegel gefangen

Sechs Prozent der weltweiten Fangmenge tragen das MSC-Siegel. Das MSC-Zertifizierungsprogramm ist offen für alle Fischereitypen, allerdings wird nicht jede Fischerei, die sich um eine MSC-Zertifizierung bemüht, auch mit dem blauen Siegel belohnt. Um zu vermeiden, dass unnötig Geld, Zeit und Ressourcen in ein aussichtloses Verfahren investiert werden, durchlaufen die meisten Fischereien eine vertrauliche Vorbewertung, bevor sie sich entscheiden, in die öffentliche Vollbewertung zu gehen. Hier erhalten sie Aufschluss darüber, ob das Zertifizierungsverfahren Aussicht auf Erfolg haben könnte. Bis zum Februar 2011 hatten 447 Fischereien diese Vorbewertung absolviert. Über einem Drittel (etwa 35%, 155 Fischereien) wurde empfohlen, aufgrund zu großer Schwächen nicht fortzufahren. Viele dieser Fischereien investieren in der Folge in Verbesserungsprojekte, um zu einem späteren Zeitpunkt die MSC-Zertifizierung mit Aufsicht auf Erfolg durchzuführen. Weltweit sind derzeit 133 Fischereibetriebe nach MSC-Standard zertifiziert.

Kritische Fragen zur Studie

Branchenkenner wie Billo Heinzpeter Studer, Leiter der Fachstelle des Vereins fair-fish hinterfragen die Resultate der Studie kritisch: „Zwei Dinge springen sogleich ins Auge. Erstens die Aussage «Die Studie belegt erstmals, dass der MSC-Standard nicht nur in der Theorie funktioniert, sondern tatsächlich auch ’auf dem Meer’ für messbare Verbesserungen sorgt». Das ist doch schon sehr erstaunlich: Seit zwölf Jahren kassiert der MSC von der Fischwirtschaft Dutzende von Millionen für eine Zertifizierung, deren ökologische Wirkung er erst jetzt untersuchen liess. Zweitens der Umstand, dass der MSC diese Untersuchung bei Beratungsfirmen in Auftrag gab, die bekannt sind für ihre Nähe zu MSC und zum hinter MSC stehenden WWF“.

Studer beurteilt auch die Auswahl der beauftragten Fachleute kritisch: „Man hätte sich unabhängigere Prüfer gewünscht, zum Beispiel aus dem Kreis der zahlreichen Meeresbiologen wie Daniel Pauly oder Rainer Froese, welche die ungenügende ökologische Leistung des MSC kritisch beurteilen. Es war ja überhaupt erst deren geballte Kritik, welche den MSC vor etwas mehr als einem Jahr veranlasst hatte, eine Untersuchung in Auftrag zu geben. Doch der MSC hat die Chance verpasst, sich die behauptete positive Leistung von unabhängigen Experten bestätigen zu lassen und damit die Kritik zum verstummen zu bringen. Das ist schade, denn für die Erholung der Fischbestände und für die Veränderung der Fischerei braucht es alle Kräfte, auch den MSC und dessen Promotor WWF.“

Mehr „Biodiversität“ und Wettbewerb im Labelmeer nötig?

MSC entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Nachhaltigkeits-Basisstandard mit einer gewissen Monopolstellung. Die damit verbundenen Verbesserungen auch in der industriellen Fischerei sind natürlich positiv, gerade auch dank der Ausbreitung des Marktvolumens über die Nische hinaus. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Labelprogramme im Bereich der nachhaltigen Fischerei fällt jedoch tatsächlich auf, mit welcher Vehemenz WWF auf die flächendeckende Verbreitung des MSC-Labels drängt, etwa im Rahmen der „WWF Seafood Group“. Angesichts der Tatsache, dass WWF gleichzeitig auch in die Ratings der Lebensmittellabels involviert ist, sind kritische Fragen angebracht. Zu fordern wäre zumindest, dass Standards mit ähnlich hohen Anforderungen, wie etwa „Friend of the Sea“ zumindest ebenso gefördert und empfohlen würden. Dies gilt auch für in einigen Fischereigebieten vorhandene gleichwertige oder weiter gehende staatliche Bestimmungen, die den Vergleich mit dem MSC-Standard nicht zu scheuen brauchen.

Zudem bestehen eine Reihe von Labelprogrammen, die auf bestimmte Praxisbedürfnisse ausgerichtet sind, z.B. auf die Gastronomie oder die gewerbliche Verarbeitung. Weitere Pionierprogramme vertiefen die Anforderungen im Bereich Tierschutz, Küstenfischerei und Fair Trade-Anforderungen. Gesondert zu betrachten ist zudem die Situation bei der Aquakultur, wo sich zunehmend Biozuchtprogramme und weitere ähnlich weit gehende Nachhaltigkeitsstandards etablieren.

Aus Sicht der PraktikerInnen entlang der Wertschöpfungskette ist ein vermehrtes Bewusstsein für die Vielfalt – quasi die „Biodiversität“ – der Nachhaltigkeitsprogramme zu fordern. Für die effektive Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstandards bringt ein kreativer Wettbewerb mehr als die Etablierung von Monopollabels, zumal absehbar ist, dass deren Nachhaltigkeitsleistung bei zunehmendem Markterfolg unter Druck gerät.

Peter Jossi

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