In der samstäglichen ganzseitigen Vorschau waren drei Themen angekündigt. Eines davon „Die grosse Bio-Illusion“ mit dem Teaser: „Bioprodukte sind nicht besser, schonen die Umwelt nicht, gefährden sie sogar. Das sagt die oberste US-Forscherin.“ Headline dann in der NZZ am Sonntag (26.2.2012) „Pardon, aber das ist verrückt!“

Andreas Hirstein, Wissenschaftsredaktor der NZZ am Sonntag interviewte Nina Fedoroff, vorgestellt als Pflanzenbiologin und Präsidentin der AAAS, „der grössten Wissenschaftsgesellschaft der Welt“. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit habe sie sich mit der Biologie von Pflanzengenen beschäftigt.

Bei der Lektüre der Aussagen von Fedoroff drängt sich einem allerdings überhaupt nicht der Eindruck auf, hier argumentiere jemand mit wissenschaftlicher Stringenz. Man verfolge beispielsweise den folgenden Gedankengang, der auf die Frage folgt, weshalb man nicht die Produktivität der Biolandwirtschaft steigere:

Wenn sie besser für die Gesundheit wäre, müssten wir das versuchen. Doch das ist sie nicht! Im Gegenteil: Wir teilen mit Tieren eine Reihe von Krankheitserregern. Tiere sind daher potentielle Krankheitsüberträger für uns Menschen. Und was man deswegen immer häufiger beobachtet, sind Lebensmittelvergiftungen, die durch die Biolandwirtschaft verursacht werden. Ein Beispiel dafür war die EHEC-Epidemie im letzten Jahr, die über 50 Todesopfer forderte. Zusammengefasst: Biolandwirtschaft ist gefährlicher ... „

Frau Fedoroff kennt offenbar Zusammenhänge, die sonst niemand kennt. Leider erklärt sie nicht, was A. EHEC mit Tieren zu tun hat, B. was EHEC mit Biolandwirtschaft zu tun hat – ausser dass ein Biohof diejenigen Bockshornkleesamen verwendet hat, die man als EHEC-infisziert ansieht (auf dem Samen selber wurde der Erreger nie nachgewiesen). Vielleicht kennt diese Wissenschafterin den Grund, dass von etwa 15 Tonnen aus Aegypten exportiertem Samen nur einige Säcke in Niedersachsen und eine Charge in Bordeaux (kein Biohof) zu Infektionen geführt hat. Die Art und Weise, wie sie Biolandwirtschaft, Tiere und EHEC in Verbindung bringt, ist jedenfalls fahrlässig. Den wissenschaftlichen Interviewer hat es nicht gestört.

Selbstverständlich fehlt in diesem Interview auch der Hinweis auf die Ineffizienz der Biolandwirtschaft nicht. Gemäss Fedoroff reicht eine Sekunde des Nachdenkens, um folgendes einzusehen:

Wenn Sie einen Sack Dünger kaufen, müssen Sie kein Land freihalten, auf dem Sie Futter für Tiere produzieren, deren Dung Sie anschliessend auf den Feldern ausbringen.“

Weshalb soll ich nicht analog sagen: Wenn Sie einen Lastwagen Mist kaufen, müssen Sie kein Land freihalten ... ? Aber wir haben ja bereits gesehen: Sorgfältige Gedankenführung ist Fedoroffs Sache nicht – und der Interviewer Hirstein fordert solche auch nicht ein. Die Effizienzdiskussion ist eine Diskussion der Systemgrenzen. Wer nur beobachtet, was innerhalb der Grenzen eines Hofs passiert, blendet eine halbe Welt aus und kommt zu ziemlich schiefen Urteilen. Er müsste sich ja auch fragen, weshalb man für die Tiere überhaupt Futter anbaut (ist ja so aufwendig!) – man kann ja alles kaufen. Früher hatte man für Bauern, die es so machten, eine Bezeichnung: Bahnhofbauern. Das Futter am Bahnhof muss so etwas wie das Manna im alten Testament oder der Düngersack von Fedoroff gewesen sein: ein Geschenk des Himmels - ohne Flächenbedarf, Energieaufwand, Rohstoffbedarf, Umweltauswirkungen usw.

Ein zweiter ebenso merkwürdiger Gedankenfaden führt von der Frage der Welternährung zur Gentechnologie: Für Fedoroff ist klar, dass sich die Erträge einiger Pflanzen noch erheblich steigern lassen. Aber:

Fedoroff: „In Afrika ... gibt es zu wenig Strassen, es gibt Handelsbarrieren, zu wenig Kapital und zu wenig Infrastruktur, was dazu führt, dass grosse Mengen der Ernte verderben. Das alles muss sich ändern.

Hirstein: Das wird nur mit moderner Technologie möglich sein?

Fedoroff: Ja, ganz sicher.

Hirstein: An Gentechnik führt kein Weg vorbei?

Fedoroff: Landwirtschaft darf man nicht auf Gentechnik reduzieren. Aber es stimmt: Grosse Fortschritte wird man vermutlich nur auf Wegen erlangen, die gentechnische Methoden nutzen.“

Diese Passage zeigt, dass der interviewende Redaktor seine Gesprächspartnerin zielgerichtet in eine Aussagerichtung lotst. Klar kann moderne Technologie hilfreich sein, um den Verderb von Ernten zu verhindern, Technologie z.B. in der Form von Lagertechnik und Eisenbahnen. Fedoroff spricht ja von fehlender Infrastruktur. Hirstein will aber die Antwort, dass es Gentechnik braucht. Die erhält er dann auch bereitwillig – allerdings nicht in der absoluten Form, wie man das vielleicht hätte erwarten können.

Aufgrund des grossen samstäglichen Aufmachers hätte man einen Artikel mit Substanz erwarten können. Er folgte nicht. Der Beitrag ist nicht einmal so interessant, wie eine Philippika von Beda Stadler, dem man immerhin einige provokatorische Originalität attestieren kann. Gerade weil der Erkenntnisgewinn bei der Lektüre dieses Interviews sehr bescheiden ist, stellt sich die Frage nach der Absicht. Mit der Vorschau und dem anderthalbseitigen Artikel wird Medienmacht eingesetzt. In wessen Interesse? Vor dem Hintergrund der Auflagestärke der NZZaSo wirkt Fedoroffs folgende Feststellung besonders skurill:

Hirstein: Die Menschen entscheiden sich trotzdem für Bioprodukte.

Fedoroff: Aber nur, weil sie von der Marketingindustrie der Biolandwirtschaft überzeugt wurden.

Wer hätte gedacht, dass die Marketing- und Kommunikationsabteilung der Bio Suisse derart einflussreich ist!

Eine der Kernaussagen, die implizit oder explizit jeder derartigen „Bio-Kritik“ zugrundeliegt, spricht Fedoroff gleich in ihrem ersten Statement des Interviews aus:

Die Zusammensetzung von Bioprodukten unterscheidet sich nicht von konventionell produzierten Lebensmitteln. Bioprodukte sind nicht besser. Der Erfolg der Biolandwirtschaft beruht auf Weltanschauungen, nicht auf wissenschaftlichen Fakten.“

Sehen wir einmal davon ab, die Aussage inhaltlich zu diskutieren. Sie stimmt nicht einmal unter engen chemisch-analytischen Gesichtspunkten. Eine solche Aussage kann nur jemand machen, dem/der die erkenntnis- bzw. wissenschaftstheoretischen Grundlagen des eigenen wissenschaftlichen Tuns völlig fehlen. Vermutlich würde Frau Fedoroff abstreiten, selber einer Weltanschauung, nämlich der kausal-mechanistischen, anzuhängen. Einem Farbenblinden wird man kaum beweisen können, dass es Farben gibt. Seine Weltsicht ist reduziert. Wer einen gentechnologischen reduktionistischen Ansatz vertritt, wird die Ursachen von „Leben“ nur in diesem Bereich suchen wollen, auch wenn es ihm nicht gelingt, auf dieser Grundlage Leben zu verstehen. Aufgrund seiner eigenen Definitionen wird er jedem anderen, der Leben zu verstehen versucht und Handlungsmodelle entwickelt, die diesem Verständnis gerecht werden, die Anerkennung der Wissenschaftlichkeit verweigern. Ignoranz allein ist noch kein Problem. Ein Problem ist Ignoranz erst in Kombination mit Medien-, Wirtschafts- oder Staatsmacht.

Matthias Wiesmann

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