Einen ganzen Tag debattierten Interessierte im Kantonsspital Luzern über Ernährung, eingeladen vom Verein für unabhängige Gesundheitsberatung. Ziel der Tagung: frei von Produktewerbung über Ernährung informieren. Gekommen sind zirka 40 praktizierende ErnährungsberaterInnen und ein paar Bio-Laden VertreterInnen.

potatoes 1866415 1280Gespickt mit sieben spannenden Themen zur Ernährung: die Tagung des Vereins für unabhängige Gesundheitsberatung. Bild: Pixabay 

Spannende Ess-Beziehungen

Ernaehrung 2Ernährungswissenschaftlerin Edith Gätjen erläutert, warum es eine systemische Sicht aufs Essen braucht, damit nachhaltige Veränderungen bei Essverhalten möglich sind. Systemisch betrachten heisst, Beziehungen berücksichtigen: Beziehung zum Essen selbst aber auch zu den Menschen, von denen wir essen gelernt haben, oder zu denjenigen, mit denen wir heute gemeinsam essen. Durch die systemische Essberatung lernen die KlientInnen den emotionalen und den physiologischen Hunger zu stillen und erarbeiten in ihrem eigenen Kontext persönliche Lösungen.

Ess-Biographie ist kulturgeprägt

Ernaehrung 3Christine Brombach, Ernährungswissenschaftlerin und Dozentin an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wädenswil zeigt auf, dass unsere Kultur auch der Wegweiser unserer Ernährung ist und erzählt die Essbiographie von vier Generationen von kochenden Frauen. Wir seien bezüglich Lebensmitteln ohne Instinkte geboren und müssten essen lernen. Wir essen darum nicht, was uns schmeckt, sondern es schmeckt uns etwas, weil wir es essen. Essverhalten wird über Generationen weitergegeben. Ohne Verständnis der Ernährungsbiografie kann es darum kein Verständnis des Essverhaltens geben.

Nachhaltige Ernährung

ernaehrung 4Karl von Koerber beantwortet Fragen.
Der Buchautor und Ernährungswissenschaftler Karl von Koerber führte in das Thema Nachhaltigkeit und Ernährung ein. Sie habe fünf Dimensionen: Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft, Individuum und sei von der jeweiligen Kultur umrahmt. Er zeigt die Belastungsgrenzen unseres Planeten auf und benennt die akuten Krisen: Artensterben, Überdüngung, Rohstoffknappheit und Klimawandel. Die nachhaltige Ernährung fasst er so zusammen: sie ist bekömmlich und genussvoll, sie ist vorwiegend pflanzlich, sie ist wenig verarbeitet, biologisch und fair gehandelt. Zudem komme dem ressourcenschonenden Haushalten (Ökostrom nutzen, Verpackung minimieren, Energiesparen, Einkaufswege optimieren (kein Auto), kein Foodwaste) eine herausragende Bedeutung zu.

Mitarbeit ist Privileg und Pflicht

Ernaehrung 5Pascal Benninger (rechts) und Michaela Picker-Bailer, Präsidentin des Vereines für unabhängige Gesundheitsberatung bei der Diskussion. Der Bio-Landwirt Pascal Benninger stellte das Projekt «Gmüeserei» in Sissach vor. Hier werden jede Woche 100 Taschen mit frischem und saisonalen Gemüse gefüllt. Die AbonentInnen müssen und dürfen mitarbeiten und leisten 8 «Konoffel» à 3 Stunden pro Jahr im Gemüsebaubetrieb. Dabei entstehen neue Begegnungsformen, die Beteiligten tauschen sich aus, feiern gemeinsam Feste und erholen sich.

Üppiges Essen stört den Schlaf

Ernaehrung 6Hans-Helmut Martin am referieren.

Hans-Helmut Martin, Ernährungswissenschaftler und Dozent, erklärte die Bedeutung der «Chronobiologie» für das Essverhalten. Unsere Körperfunktionen finden jeden Tag im ungefähr gleichen Rythmus statt. Daraus kann man auch fürs Essverhalten Empfehlungen ableiten: z. B. sei der Magen zwischen 7 und 9 Uhr aktiv und deswegen reichhaltig frühstücken sinnvoll. Zeit sei ausserdem ein wesentlicher Sättigungsfaktor, darum empfiehlt Hans-Helmut Martin langsam zu essen und gut zu kauen. Ausserdem: täglich 2 bis 3 Mahlzeiten und ein leichtes und frühes Abendessen sind sinnvoll, weil spätes und üppiges Essen den Schlaf stört.

Zucker ist gerade für Kinder «pfui»

ernaehrung 7Die Ärztin Bettina Wölnerhanssen argumentiert kompetent und humorvoll gegen Zucker.

Bettina Wölnerhanssen, Medizinerin und Forscherin u.a. zu Übergewicht, erklärt warum Zucker schädlich ist, vor allem für Kinder, die ihr ganzes Leben unter den zuckerbedingten Krankheiten (u.a. Karies, Übergewicht) zu leiden haben. Sie führt auch aus, warum es so schwer sei auf Zucker zu verzichten: weil er in unserer Gesellschaft die Währung für Zuneigung ist. Ausserdem stecke hinter der Zuckerindustrie eine mächtige Lobby. Sie empfiehlt eine drastische Zuckerreduktion auf 10 bis 25 Gramm täglich und Ersatz z.B. durch «Birkenzucker» oder «Stevia».

Überflüssiger Blinddarm?

Ernaehrung 8Jan-Olaf Gebbers, Facharzt für Pathologie, erklärt am Schluss der sehr interessanten und lebendigen Tagung die Bedeutung eines unterschätzten Anhängsels, des sogenannten Blinddarmes. Mediziner hätten ihn bereits im 19. Jahrhundert als ein im Lauf der Evolution als nutzloses, ja sogar gefährliches Relikt betrachtet. Heute anerkennt die Medizin die Bedeutung des Blinddarmes bei der Abwehr von Infektionen.

Text und Fotos (wo nicht anders angegeben): Fausta Borsani

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