Im Mittelpunkt der 5. Fachkonferenz «Brennpunkt Nahrung» vom 5. November 2019 in Luzern standen viele Fragen rund um die Bedürfnisse und Wünsche der Konsumentinnen und Konsumenten. Wir haben den Anlass besucht und berichten über vier interessante Vorträge.

networkingNetworking bei «Brennpunkt Nahrung 2019». Bild: zVg

Markus Johann // Auf welche Trends reagiert der Konsument und wodurch wird er beeinflusst? Mit welchen Instrumenten können KonsumentInnen am besten motiviert werden, wirklich so zu handeln wie sie sagen, dass sie es möchten? Was bietet die Ernährungsindustrie, um die Kernbedürfnisse der Konsumentin abzudecken? Wie können gute Food Stories Sehnsuchtsträume erschliessen und Vertrauen schaffen? Zu diesen Fragen waren acht erlesene Referate zu hören. In den Pausen fanden angeregte Diskussionen unter den rund 250 Teilnehmenden statt.

Globale Ernährung im Ungleichgewicht

Der Food and Beverage Experte und Botschafter der Vereinigten Nationen für die Ziele der nachhaltigen Entwicklung, Marc Buckley, wies in einem eindrücklichen Vergleich auf die Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen hin. Diese ist 500’000-mal stärker als diejenige der Atombombe auf Hiroshima– notabene pro Tag! Dieses Gleichnis zeigt deutlich, wie alarmierend die Erdatmosphäre belastet ist und dass wir nun wirklich dringend handeln müssen. Es braucht heute dringend Innovationen, wie z.B. «Solar Impuls» von Bertrand Piccard - für eine neue Antriebstechnik beim Fliegen. «Ohne unsere Biosphäre können wir nichts produzieren», teilte Marc Buckley mit. Am 29. Juli war der sogenannte «Erdüberschusstag» in diesem Jahr. Nach diesem Tag leben wir auf Pump zu Kosten der kommenden Generationen. Und jedes Jahr ist dieses Datum etwas früher.

cms bn download 67 dateiFood and Beverage Experte und Botschafter der Vereinigten Nationen für die Ziele der nachhaltigen Entwicklung, Marc Buckley. Bild: zVg

Wir essen die Erde auf

Vor allem im Ernährungsbereich sind wir im Ungleichgewicht, denn wir essen unsere Welt buchstäblich auf. Agrikultur ist der älteste Wirtschaftszweig der Menschheit und weist einen heutigen Wert von ca. 13 Billionen Dollar auf. Jedes Jahr transportieren wir mehr Lebensmittel über teilweise lange Distanzen. Zum Beispiel Kartoffeln aus Norddeutschland zum Waschen nach Süditalien und dann gewaschen wieder zurück nach Norddeutschland. Es braucht darum dringend ein Umdenken mit drastischen Richtungsänderungen. Zukunft haben Innovationen und Cleantech sowie Prozesse und Abläufe, die unsere Erde nicht mehr so schädigen. Bei Food Waste entstehen zum Beispiel mehr Methangase bei der Verbrennung der überschüssigen Lebensmittel, als bei deren Produktion. Marc Buckley schloss seinen Vortrag mit einem Zitat von Professor Ivie Corey: «Wenn wir unsere Richtung nicht ändern, werden wir uns selbst zerstören». Am Schluss des Referates erklangen hoffnungsvollere Töne. Zum Lied «Imagine» von John Lennon liess Buckley Porträts von den Präsidenten der grossen Industrieländer auf der Leinwand einblenden. Die Botschaft von John Lennons Lied lautet: Du magst denken ich sei ein Träumer, ich bin jedoch sicher nicht der einzige. Eine Welt in Liebe und Frieden ist machbar!

Food Trends – ein kritischer Blick

«Die Geschichte einer Banane ist viel komplexer als viele sich vorstellen können» stellt Dr. Mirjam Hauser am Beginn ihres interessanten Referates fest. Sie muss es wissen, sie ist Senior Market Researcher der GIM Suisse AG. Was bedeutet die Wertschöpfungskette heute? Ist Essen wieder politischer geworden? Mirjam Hauser verglich dann die 2009 prognostizierten Megatrends mit der Situation heute. Von den Voraussagen von damals sind viele eingetreten und folgende Themen werden in den nächsten Jahren weiter gelten: Individualisierung, Komplexität, Flexibilisierung, Gesundheit, Wertorientierung, Globalisierung, und Rückbesinnung aufs Lokale.

mirjam hauserDr. Mirjam Hauser: «der Weg der Banane ist kompliziert». Bild: zVg

Wie essen wir heute? Wir treffen hauptsächlich zwei Entscheide: «Esse ich alleine oder in der Gemeinschaft?« und «Bereite ich mein Essen selbst zu oder kaufe ich fertige Lebensmittel?». Warum handeln Konsumenten vielfach widersprüchlich? Oft gibt es Differenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Weiter nehmen uns Computer und Algorithmen immer mehr Entscheidungen ab. Der technologische Fortschritt revolutioniert fast jedes etablierte Geschäftsmodell – von der Landwirtschaft, zur Verarbeitung, zum Einkaufen bis zum Essen selber. Leistung und Wettbewerb werden noch mehr zunehmen. Die Digitalisierung bringt viele Angebote hervor, welche schnellen Zugang zu gesundem, billigerem und/oder personalisiertem Essen versprechen. Auch die Selbstvermessung nimmt zu, z.B. mit Smartphones und Fitnessbändern. Konsumenten handeln innerhalb vielschichtiger Spannungsfelder von Werten und Situationen. Ihre Werte stehen jedoch vielfach im Widerspruch zu der alltäglichen Situation. Auf der anderen Seite entstehen auch neue Modelle mit organisierten KonsumentInnen in Kooperativen, die wieder näher an der Urproduktion sein möchten. Was ist zu tun? Transparenz schaffen, Wertekonflikt austarieren, Empowerment und Involvement schaffen.

Der nachhaltige Konsument. Wunsch oder Wirklichkeit?

Gerhard Fehr, CEO von FehrAdvice, stellte am Anfang seines Referates eine Frage, die er gleich selbst beantwortete: «Welche ist heute die knappste Ressource?». Antwort: Es ist die Aufmerksamkeit. Wie verhalten sich Menschen zum Thema Nachhaltigkeit? 31% sind bereit, mehr für nachhaltige Produkte auszugeben. 56% sind unentschlossen. Die meisten Menschen verhalten sich nur bedingt nachhaltig. Die KundInnen wollen das haben, was sie schon kennen und ändern nicht gern etwas. Gerhard Fehr warnte darum die Anwesenden davor, eine bewährte Rezeptur zu ändern, denn das könnte fatale Auswirkungen haben. Wie kann man KonsumentInnen aber unterstützen, nachhaltiger zu konsumieren? In der Gastronomie z.B. mit einem Angebot von klimafreundlicheren Menues. Oder im Handel mit der Reduktion des Wurstgewichtes von 150 Gramm, auf 125 oder 100 Gramm. Eine gute Produkteauswahl ist für die Umsetzung von Verhaltensänderungen von KonsumentInnen jedoch sehr wichtig. Zum Beispiel werden drei Becher Jogurt derselben Sorte mit unterschiedlichen Zuckeranteilen benötigt.

gerhard fehrGerhard Fehr, CEO von FehrAdvice: Wie verhalten sich Menschen zum Thema Nachhaltigkeit? Bild: zVg

Die Bedürfnisse der Generation Food

«Die klassische Werbung ist tot, es lebe das Storytelling» so stieg Jörg Reuter, Inhaber «Grüne Köpfe», der im 2016 schon einen Aufritt an der bionetz.ch-Fachtagung hatte, in sein Referat ein. Der Wertewandel ist ein wichtiger Treiber der Gesellschaft. Viele Menschen haben Sehnsuchtsträume und damit sei auch viel Potential verbunden, meinte Reuter. Die Qualität der Geschichte hinter dem Produkt wird zu einem bedeutenden Teil der Produktqualität. Immer mehr KonsumentInnen wollen mehr über die gekauften Produkte wissen. Wo ist das Rüebli gewachsen und welches Saatgut wurde dafür verwendet? Welcher Bauer hat es wo angebaut? Reuter berichtete von einem letzthin durchgeführten Kochanlass, an dem mehr als 25 verschiedene Rüeblisorten unterschiedlich zubereitet worden sind. Mit einem solchen Event treffe man heute die Bedürfnisse der KonsumentInnen sehr gut. Es geht dabei eben nicht nur um das Inszenieren, sondern auch um das Dabeisein. In dem Zusammenhang erwähnte er ein Beispiel aus Frankreich: unter der Bezeichnung «C’est qui le patron?!» haben sich KonsumentInnen zusammengeschlossen und neue Werte und Produktionswege für Lebensmittel entwickelt. Bei der Milch wurde in diesem Modell zuerst die Entlohnung der involvierten Produzenten bestimmt. Anschliessend wurden die Herkunft der Milch sowie die Tierhaltungsbedingungen festgelegt. Obschon diese Milch gegenüber der im Grossverteiler um ca. 20 Eurocents teurer ist, war sie innert kurzer Zeit bereits die am meisten verkaufte Milch im französischen Einzelhandel.

jorg reuterJörg Reuter, Inhaber «Grüne Köpfe»: «Es lebe das Storytelling!». Bild: zVg

Die nächste Fachkonferenz «Brennpunkt Nahrung» findet am 3. November 2020 statt.

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