Urs Niggli, einer der weltweit führenden Forscher für die biologische Landwirtschaft und Leiter des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau FiBL und kurz vor seiner Pensionierung, kritisiert in einem grossen Interview mit der renommierten deutschen Zeitung «Die Zeit», seine Ökokollegen. Bionetz hat Bio Suisse und die IG BIO um ihre Haltung dazu angefragt.

technology 2025795 1280Mit Hilfe von Hightech wird die Landwirtschaft in den nächste Jahren revolutioniert. Kann die Bio-Landwirtschaft da mithalten? Bild: Pixabay

Urs Niggli, noch Direktor des FiBL, vertritt im ausführlichen Interview in der «Zeit» vom 20. Januar 2020 die Haltung, dass mit einer weltweiten Bioproduktion die Weltbevölkerung auch ernährt werden könnte. Jedoch bräuchte es eine Abkehr der Polarisierung zwischen konventionell und bio. Und eine grössere Bereitschaft der Biolandwirtschaft gegenüber der Zulassung z.B. von Aminosäuren in der Tiermast sowie den neuen gentechnischen Verfahren wie den Genscheren in der Pflanzenzüchtung. Müsste sich der Biolandbau nicht gegenüber den Hightech-Verfahren mehr öffnen, Urs Brändli?

urs niggli kleinUrs Niggli, Direktor des FiBL. Bild: zVg

Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse meint dazu: 
«Nicht alles, was umweltschonend ist, muss auch zwingend als Bio anerkannt werden. Hors-sol gilt als nachhaltige Art, Gemüse und Beeren zu produzieren. Da der Biolandbau aber immer in Verbindung mit unserer Lebensgrundlage, dem Boden, sein wird, kann/muss Hors-sol nicht Bio sein. Ob die neue Genscheren-Forschung das halten kann, was sie verspricht, bleibt zu beweisen. Viele «Erfindungen» zum Wohle der Weltbevölkerung haben sich rückblickend als schädlich oder gar verheerend herausgestellt.

urs brandli 2019 kopieUrs Brandli, Präsident von Bio Suisse. Bild: Bio Suisse

Urs Niggli prophezeit eine Reduktion der ausgebrachten synthetischen Pestizide um 75% Prozent in der konventionellen Landwirtschaft. Der Biolandbau könnte unter den bisherigen Produktionsvoraussetzungen gegenüber der konventionellen Produktionssystemen immer mehr den Anschluss verlieren, da die konventionellen Bauern immer mehr z.B. mit Robotern und Hightech wirtschaften werden.

Und das führt Urs Brändli dazu aus:
«Jeder Bio-Bauer begrüsst sehr, wenn die Mengen an chemisch-synthetischen Hilfsmitteln endlich reduziert werden. Bio beweist, dass es auch ohne geht! Das System Bio bietet aber mehr: Kein Einsatz von Kunstdünger, Förderung der Biodiversität auf der ganzen Betriebsfläche, hohes Tierwohl sowie authentische und wahrhaftige Lebensmittel dank schonender Verarbeitung. Und auch soziale Integrität haben viele Bio-Verbände bereits heute in ihren Regelwerken festgeschrieben.» 


Urs Niggli betont, dass wir in einem Dilemma stecken würden, weil wir bei gleichbleibenden Konsum mit Biolandbau mehr Flächen brauchen würden. Wir bräuchten mehr Zusammenarbeit statt der Polarisierung zwischen biologischer und konventioneller Landwirtschaft. Bei der steigenden Nachfrage nach Biolebensmitteln sei der Biolandbau zunehmend ineffizient.

Urs Brändli kontert: «Bio Suisse arbeitet bereits heute mit sämtlichen konventionellen Verbänden und Organisationen zusammen. Es gibt keine Berührungsängste, auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung sind. Welche Art von Landwirtschaft betrieben wird, entscheiden ohnehin die Konsumentinnen und Konsumenten. Die Bauern liefern, was nachgefragt und bezahlt wird. 
Dank neuer Anbau- und Pflege-Technik steigen heute immer mehr Betriebe auf Bio um. Diese Entwicklung wird weitergehen – Jätroboter werden zum Beispiel an Bedeutung gewinnen. Zudem werden heute gewaltige Summen für konventionelle Forschung und Züchtung von Hochleistungstieren und -Pflanzen aufgewendet. Stünden diese Mittel dem Biolandbau zur Verfügung – die Ertragssicherheit würde deutlich erhöht.»

Eine Stellungnahme der IG BIO. Die IG BIO vereinigt Schweizer BIO-Lebensmittel-Unternehmer vor allem aus der Verarbeitung und dem Handel.
Die IG BIO ist überzeugt, dass Bio einen wichtigen Beitrag leisten kann im Kampf gegen den Klimawandel. Ohne eine biologische Landwirtschaft, die nachhaltig ist,  werden wir den grossen Umweltproblemen von heute wohl nicht Herr werden.
Um Bio zu fördern, müssen wohl auch ideologische Scheuklappen entfernt werden, da eine systemische, ganzheitliche Betrachtungsweise notwendig ist. Sonst wird, und da geben wir Urs Niggli absolut recht, Bio nicht nur nicht aufholen, sondern den Anschluss verlieren wird.
Das Ziel muss nicht das perfekte Bio sein. Das Ziel muss auch nicht 100 % Bio sein. Das Ziel muss immer eine nachhaltige Landwirtschaft und ein nachhaltiger Konsum sein. Insofern sind wir mit den Kern-Aussagen von Urs Niggli durchaus einverstanden, da sie direkt auf die entscheidende Gretchen-Frage zielen: Wie stellen wir bei steigender Bevölkerungszahl und gleichzeitig nicht mehr Natur für rein landwirtschaftlichen Nutzung eine nachhaltige Ernährungswirtschaft sicher? Das geht nicht ohne Kompromisse.

Dr. Karola Krell Zbinden, Geschäftsführerin IG BIO


 

 

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