Ein exklusiver Preisvergleich der NZZ zeigt: Bio-Lebensmittel kosten in der Schweiz fast das Zweifache von dem, was in Österreich und Deutschland bezahlt werden muss. Mit günstigeren Preisen liesse sich der Absatz ankurbeln. Wer könnte das nicht wollen?

schweizer bio teuerFür Bio zahlen wir in der Schweiz sehr viel. Bild: Pixabay
Das Bundesamt für Landwirtschaft hat für die NZZ eine Sonderauswertung von Detailhandelspreisen in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland vorgenommen. Durchschnittlich sind Bio-Lebensmittel-Preise um 79 Prozent beziehungsweise 88 Prozent teuer als in Österreich und Deutschland. Dies sind grosse Unterschiede, zumal es sich bei den österreichischen und deutschen Lebensmitteln nicht um «Ramschware» handelt: Sie erfüllen die EU-Bio-Richtlinien zum Umweltschutz und/oder zum Tierwohl. Bio-Experte Urs Niggli stellt fest: «Die Bio-Standards sind weltweit gleichwertig, das ist ein grosser Erfolg der Bio-Bewegung. Gleichzeitig macht es Bio-Produkte international recht gut austauschbar und vergleichbar – viel mehr, als dies bei konventionell erzeugten Lebensmitteln der Fall ist.»

Es gibt zu den Preisunterschieden vier Erklärungen.

1) Die Produktionskosten

Die Bio-Produktion in der Schweiz kostet mehr, weil die (Hand-)Arbeit, das Saatgut und das Kraftfutter teurer sind. Die Schweizer Bio-Bauern erhalten auch mehr für ihre Produkte als die deutschen Kollegen. Aber die Differenz macht beim Konsumentenpreis nur einen kleinen Anteil aus: Schweizer Bio-Bauern erhalten für Rindfleisch pro Kilogramm Schlachtgewicht 4 Franken mehr als KollegInnen in Deutschland - 9.25 Franken gegenüber umgerechnet 5 Franken. Die Bio-Rindsplätzli kosten in der Schweiz rund 22 Franken pro Kilo mehr als in Deutschland.

2) Die Zölle

Die Schweiz schützt ihre Bäuerinnen und Bauern sehr stark vor der ausländischen Konkurrenz und erhebt Zölle auf Agrarprodukte. Dies verteuert Lebensmittel – sowohl konventionelle wie solche in Bio-Qualität. So schätzt der Industrieländerverein OECD die Abschottungskosten auf jährlich 3,1 Milliarden. Das zahlen die KonsumentInnen mit dem Einkauf und die SteuerzahlerInnen, die einen grossen BeamtInnenapparat damit finanzieren. Nota bene zusätzlich zu über 4 Milliarden Franken direkte Subventionen.
Der Grenzschutz ist eine Erklärung, warum Bio-Produkte in der Schweiz teurer sind als in Österreich und Deutschland. Wissenschaftliche Schätzungen dazu fehlen allerdings. Ein Muster: Bei Produkten, bei denen der Zollschutz hoch ist, sind tendenziell die Preisdifferenzen gegenüber dem Ausland grösser. Zum Beispiel: Schweizer Gemüse und Früchte sind stark geschützt. Für lagerfähige Produkte wie Äpfel oder Karotten gelten fast das ganze Jahr sehr hohe Zölle auf Importprodukte. Das dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, warum in der Schweiz Bio-Früchte und Bio-Gemüse meist doppelt so teuer sind wie in Österreich und Deutschland. Ähnliches gilt für Kartoffeln, Mehl und Fleisch.

3) Das Angebot ist (künstlich) klein

Der Bio-Markt ist stark von Labels geprägt. Preisunterschiede zwischen den Nachbarländern können entstehen, wenn Labels unterschiedlich hohe Anforderungen stellen oder wenn die Konkurrenz im Bio-Markt nicht gleich ausgeprägt ist.
«In der Schweiz dominiert faktisch Bio Suisse mit der Knospe den Bio-Markt», sagt der Experte Niggli. Das Knospe-Label sei bezüglich des Anbaus nicht unbedingt viel strenger als die Labels in Österreich und Deutschland, aber die Anforderungen an Verarbeitung, Qualität und Haltbarkeit der Produkte lägen höher. Auch die Vielfalt der Bio-Produkte ist in der Schweiz höher. Dies kann einen Teil der höheren Preise in der Schweiz erklären.
Allerdings zeigt sich im Schweizer Markt auch eine Tendenz, das Bio-Angebot künstlich knapp zu halten. So haben die im Verband Bio Suisse zusammengeschlossenen Bio-LandwirtInnen jüngst die Nein-Parole zur Trinkwasserinitiative beschlossen. Sie haben Angst, dass bei einer Annahme der Markt mit Bio-Produkten überschwemmt würde und die Preise erheblich sänken. Bio-Suisse hat zudem vor Kurzem ein vereinfachtes Label abgelehnt, das es Discountern wie Aldi erlaubt hätte, mit der Knospe zu werben. «Im Gegensatz zur Schweiz ist die Konkurrenz unter verschiedenen Bio-Labels in Österreich und Deutschland deutlich grösser», erklärt Urs Niggli. Beispielsweise hat es Aldi vermocht, in Deutschland mit einem eigenen Label in kurzer Zeit den Markt für Bio-Kartoffeln aufzurollen. Der lebhaftere Wettbewerb dürfte dazu beitragen, dass die Nachbarländer niedrigere Bio-Preise zahlen als die Schweiz.

4) Verdienen die Grossverteiler übermässig an Bio?

Die beiden Grossverteiler Coop und Migros vereinen eine grosse Markmacht für Bio in der Schweiz. Sie zahlen zwar etwa 25 % mehr für Arbeit und Mieten als die Supermärkte in Österreich und Deutschland, müssen aber weniger Konkurrenz befürchten und nützen ihre Marktmacht aus. Sie verdienen an Bio-Produkten hohe Margen - viel höher als bei konventionellen Produkten. Die Unternehmen schöpfen die Zahlungsbereitschaft eines Teils der KonsumentInnen ab, für Bio viel mehr zu zahlen.

Kommentar Fausta Borsani: Günstiger wäre mehr (für alle)

Es finden sich also Erklärungen, warum Bio-Produkte in der Schweiz fast doppelt so teuer sind als in Österreich und Deutschland. Viele Menschen fragen sich aber, ob Bio-Lebensmittel hierzulande nicht erschwinglicher sein könnten. Sie stünden auch einem breiteren KonsumentInnenkreis zur Verfügung und würden mehr gekauft. Vielleicht käme die Schweiz dann mittelfristig deutlich über die 11% Marktanteil von Bio am Lebensmittelhandel hinaus. Das wünschen sich alle, denen die Umwelt am Herzen liegt, das wünschen sich Bio-KonsumentInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.

Was heisst das? Einfach ist das nicht: Weniger Zölle, Handelsregeln zugunsten von nachhaltigen Importen, weniger Bio-Margen bei den Grossverteilern. Zudem: Ein Umlenken der Steuergelder, um Bio-Lebensmittel zu vergünstigen und konventionell produzierte zu verteuern. Direktzahlungen nur für nachhaltige Landwirtschaft, damit die Bio-Bäuerinnen und Bauern und solche, die es noch werden wollen, eine faire Existenzsicherung haben. Die beiden Agrarinitiativen, über die wir am 13. Juni abstimmen, könnten, klug und gemeinsam umgesetzt, einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass Bio für alle Realität wird.

Quelle: NZZ vom 19. 5 2021, Artikel von Matthias Benz: «Schweizer zahlen viel für Bio-Produkte», «Bio-Produkte – für Schweizer ein Luxus», Kommentar «Bio-Lebensmittel könnten günstiger sein»

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