Palmöl ist schuld an abgeholztem Tropenwald, verweiste Orang-Utan-Kinder und vertriebene Menschen. Ja, aber: es zu boykottieren macht für die Schweiz wenig Sinn.

palm 3001220 1280Die Früchte der Ölpalme bergen Abholzung und Abhängigkeit, sind aber auch Lebensgrundlage für Millionen. Bild: Pixabay
Etwa jede zweite Produkt im Detailhandel enthält das tropische Pflanzenfett: Von Nuss-Schoggi-Aufstrich, Margarine, Fertigsuppen, bis Kosmetika und Waschmittel. Palmöl hat einen sehr schlechten Ruf. Doch es gibt Gründe für die (nachhaltige) Nutzung – und gute Gründe gegen einen Boykott.

Vieles spricht gegen Palmöl

«In den vergangenen Jahrzehnten hat die Palmölproduktion massiv zur Entwaldung in Indonesien und Malaysia beigetragen. Wo einst Regenwald mit Orang-Utans oder Elefanten war, stehen heute vielerorts Palmölplantagen. Dazu kommt auch die Verletzung von Menschenrechten», erklärt WWF-Palmölexpertin Inka Petersen die Hauptkritikpunkte der PalmölgegnerInnen. 85 Prozent des Palmöls im Welthandel kommen aus Indonesien und Malaysia und beanspruchen eine Fläche, die fünf mal so gross ist wie die Schweiz. Durch Abholzung werden hohe Mengen an Klimagasen wie CO2 oder Methan freigesetzt. Und wenn auf Sumatra und Borneo der Wald brennt – für mehr Platz für Palmölplantagen – führt das selbst in Malaysia und Singapur zu schweren Atemproblemen. 193 von 35'500 der als gefährdet geltenden Tier- und Pflanzenarten sind durch die Palmplantagen bedroht, darunter Tiger, Elefanten oder Orang-Utans.

Menschenrechte sind in der Palmölindustrie rar

Aber nicht nur Pflanzen, Tiere und die Umwelt leiden, unter der Palmölindustrie. Sie beutet sehr häufig auch die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern aus, die Palmöl für sie produzieren, zudem prangern Menschenrechtsorganisationen immer wieder Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit und Vertreibung der lokalen Bevölkerung an. Von der Palmölproduktion sind Hunderte von Millionen von in Armut lebende Menschen direkt oder indirekt abhängig. Allein in Indonesien sind es 27 Millionen Menschen oder 10 Prozent der Bevölkerung. Es wäre richtig und wichtig ihre Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern. Zwei Drittel der Weltbevölkerung konsumieren viel Palmöl. Und durch Bevölkerungswachstum, die Verwendung als Biokraftstoff oder auch durch den Konsum von immer mehr Fertigprodukten steigt der Bedarf.

Palmöl hat auch Vorteile

Palmöl hat auch Vorteile: Es ist preiswert, haltbar und neutral im Geschmack. Entscheidend ist aber: Ölpalmen brauchen für viel Öl wenig Fläche. Ihr Ertrag ist fünf- bis achtmal höher als bei Sonnenblumen-, Raps-, Soja- oder Kokosöl. Würde also alles Palmöl durch andere Pflanzenöle ersetzt, bräuchte man viel mehr Boden. Also mehr abgeholzter (Regen-)wald, mehr Treibhausgasemissionen, mehr Ausrottung von Tieren und Pflanzen, mehr Vertreibungen. WWF-Palmölexpertin Inka Petersen ist erstaunt, wie gut andere Fette gegenüber Palmöl wegkommen: «Kokosöl z.B. hat einen sehr guten Ruf, aber Kokosöl braucht im Vergleich zu Palmöl ein Vielfaches der Fläche. Ausserdem geht es auch beim Kokosanbau den Kleinbauern oft schlecht.» Die Probleme seien die gleichen wie beim Palmöl – wenn nicht sogar noch schlimmer. Sie findet, dass wenn Palmöl ökologisch und sozial gut hergestellt wurde, es keinen Grund gibt, es zu ersetzen. Immerhin rund ein Viertel der Anbauflächen sind zertifiziert.

RSPO - wenig aber immerhin

Zum Beispiel zertifiziert nach den Kriterien der RSPO (Roundtable on Sustainable Palm Oil = Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl). Diese Initiative wurde vom WWF mitgegründet, Coop, Migros, Nestlé und 5000 andere Unternehmen sind Mitglieder, sowie Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Die Kriterien umfassen unter anderem ein Verbot neuer Rodungen von «Primärwäldern und ökologisch wertvollen Waldflächen», den Schutz von bedrohten Tierarten oder ein Verbot von Kinderarbeit. Das ist KritikerInnen viel zu wenig aber immerhin ein Mindeststandart, von dem man ausgehen könnte. Aber oft muss zertifiziertes Palmöl als konventionelles verkauft werden – ohne den entsprechenden Preiszuschlag, der die Nachhaltigkeitsmassnahmen finanzieren könnte. Denn die Nachfrage nach nachhaltigem Palmöl ist viel kleiner als das Angebot. Viele Firmen finden, es töne besser, wenn auf der Packung «ohne Palmöl» steht und ersetzen das Palmöl einfach durch ein anderes problematisches Fett. Versteckte Palmöl-Nutzer wie die Kosmetik- und Reinigungsindustrie ducken sich seit Jahren weg. Selbst wenn in Produkten zertifiziertes Palmöl drin ist, ist dies nicht immer angegeben. «Kennzeichnungen für nachhaltiges Palmöl werden relativ wenig benutzt, weil Palmöl einen so schlechten Ruf hat», erklärt Petersen. Aber auch ohne: Bei einigen Marken kann man sich sicher sein, dass nur zertifiziertes Palmöl verwendet wurde. Das zeigt der Palmölcheck des WWF, der alle zwei Jahre veröffentlicht wird. Beim letzten Mal auf Platz eins: Ausgerechnet der Nutella-Hersteller Ferrero. Expertin Petersen: «Tatsächlich ist es so, dass gerade Ferrero sich sehr engagiert und ausschliesslich zertifiziertes Palmöl einsetzt. Palmöl in Nutella stammt aus nachhaltigem Anbau.»

Kommentar Fausta Borsani
Die Schweiz importiert pro Jahr rund 30'000 Tonnen Palmöl - also sehr sehr wenig von den 70 Millionen Tonnen, die jährlich produziert werden. Aber wir haben die Möglichkeit und die Mittel, nachhaltiges Palmöl zu fördern - zum Beispiel mit Entwicklungshilfe. Und: Wir sollten uns darauf konzentrieren, nachhaltig einzukaufen, nachhaltig zu wählen und nachhaltig zu argumentieren.

Zunächst heisst das: möglichst nur biologisches Essen einkaufen, weniger Fleisch- und Milchprodukte konsumieren - und wenn, dann natürlich auch Bio. Weniger Süsses und Verarbeitetes und mehr frische und regionale Lebensmittel wählen. Dann bedenken: Naturkosmetik und Naturwasch- und -reinigungsmittel werden aus ökologischen Rohstoffen, die bekannt und kontrolliert sind, hergestellt.

Man könnte dann die Industrie dazu auffordern, wenn, nur noch zertifiziertes Palmöl einzusetzen, z.B. auch bei Waschmitteln. Es sollte keinesfalls durch Öle und Fette mit schlechterer Öko- und Sozialbilanz ersetzt werden. Und: Freiwilligkeit reicht nicht mehr, es sollten Gesetze her, die die inländische Produktion, den Import und die Verarbeitung von Rohstoffen, die auf Kosten von Mensch und Umwelt produziert werden, schlicht verbieten. Kein Produkt in keinem Laden sollte zur Zerstörung von (Tropen-)Wald und Lebensräumen, zur Zwangsarbeit und Verletzung von Menschenrechten beitragen – egal ob Palmöl oder eine anderes Pflanzenöl oder weitere Rohstoffe! Die Liste ist lang, es gibt viel zu tun.

Palmölcheck 2019 des WWF (PDF)

Quelle: Warum es Unsinn ist, auf Palmöl zu verzichten, von sonja eichert / t-online

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