Bio, Freiland, kein Kükentöten – die Gütesiegel auf Eierschachteln werden immer zahlreicher und verwirrender. Oft verschleiern sie, wie das Huhn wirklich lebt. Die Bio-Haltung ist in vielen Bereichen strenger geregelt als die Freiland- und die Bodenhaltung. Den Hühnern steht wesentlich mehr Platz zur Verfügung, dies sowohl im Stall als auch im Auslauf. Am besten betreffend Tierwohl schneidet das Bio-Label Demeter ab.

glueckliche Huehner Lassen Sie sich nicht durch werbewirksame Bilder auf der Verpackung täuschen, welche Hennen auf grünen Wiesen zeigen. Diese geben keine Auskunft darüber, wie die Hühner tatsächlich gehalten werden. Bild: Pixabay
Eier sind in der Schweiz sehr beliebt: Gemäss Bundesamt für Statistik verzehrten 2020 die BewohnerInnen der Schweiz 189 Eier pro Person. Zählt man die verarbeiteten Eier hinzu, sind es mehr als 200. Das Ei gilt als Bestandteil der gesunden Ernährung. Doch wie toll ist die Eierproduktion für die Hennen? Das ist aus den vielen Bezeichnungen und Labels nicht klar auszumachen.

Die neusten Logos verprechen: «ohne Kükentöten» und «Zweinutzunghuhn», daneben gibt es Bio und Freiland, Bodenhaltung und Import, Demeter und KAG Freiland. Manchmal heisst es: «Die Hühner geniessen doppelt so viel Auslauf.» Doppelt so viel wie welche Hühner? Und überhaupt: was ist jetzt besser – «Bio» oder «ohne Kükentöten» oder geht das Hand in Hand?

In einem Punkt allerdings sind alle Verpackungen gleich: darauf sind ausnahmslos fröhlich aufgeplusterte Hennen zu sehen,  gern auf einer grünen Wiese unter blauem Himmel. Es sieht toll aus, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Legehennen müssen selbst bei Bio-Produktion fast jeden Tag ein Ei legen. Zum Vergleich: das Bankivahuhn, die Ur-Ur-Ur-Grossmutter unserer Legehennen, legt dreimal im Jahr maximal 12 Eier. Aber die heutigen Hühner sind von der Zucht her dazu «verdammt"»,  jeden Tag ein Ei zu fabrizieren. Nach einem Jahr werden sie auch in den meisten Betrieben mit Bio-Label getötet. Tiere, die gut 12 Jahre alt werden könnten. Sie sind ausgelaugt und enden als Suppenhuhn oder Biogas.

Und das angeblich strenge Schweizer Tierschutzgesetz garantiert den Hennen nicht viel Platz. Je nach Haltungssystem dürfen sieben bis 17 (!) Hennen pro Quadratmeter gehalten werden. Nur rund 20 Prozent des Bodens müssen eingestreut sein. Auslauf ist gesetzlich nicht vorgegeben. Zudem dürfen in der Schweiz, das Land, das als Musterknabe des Tierschutzes gilt, immer noch 18'000 Hühner pro Betrieb gehalten werden. Soviel wie in Gossau (SG) oder Muttenz (BL) etwa Menschen wohnen. 

Noch unschöner wird es mit Blick auf die männlichen Küken der Legehennen: Sie taugen weder zur Eierproduktion noch zur Mast, denn sie setzen das Fleisch am falschen Ort an. Darum ist ihr Leben gerade nach dem Schlupf fertig. Früher durch Schreddern, heute durch Vergasung. Und zwar auch bei Bio-Betrieben, mit Ausnahme von Demeter.

 Zwar gibt es Betriebe, die auf das Massentöten verzichten und auf Zweinutzungshühner setzen: Die Eierschachteln sind dann gekennzeichnet mit den Labels «Bruderküken» (Alnatura), «Henne & Hahn» (Aldi) oder eben «Zweinutzunghuhn» (Coop): Die männlichen Bibeli dürfen  immerhin zehn Wochen lang weiterleben, dann enden sie als Mistkratzerli. Die Zweinutzungshühner sind weniger lukrativ und werden ein Nischenprodukt bleiben.

Da aber etwa in Deutschland ab Januar 2022 das Töten der männlichen Küken verboten ist, kommt nun häufig ein Verfahren zum Einsatz, mit dem sich das Geschlecht bereits im Ei bestimmen lässt – um so zu verhindern, dass die männlichen Küken überhaupt ausgebrütet werden. Die Migros setzt mit dem «Respeggt»-Label auf diese neue Technik. Das ändert aber für die Hennen gar nichts, die mit einer «Lebenslegeleistung von 340 Eiern pro Tier», wie es beim Bundesamt für Landwirtschaft offiziell heisst, aufwarten müssen. Und zwar innert den eineinhalb Jahren, die sie leben. Ein herkömmliches Rassenhuhn würde diese Menge nicht annähernd schaffen. Und so halten Schweizer Betriebe, auch jene mit Bio-Label, ausschliesslich Hybridhühner. Ein paar wenige Firmen weltweit produzieren diese Hennen, die es in zwei Ausführungen gibt: als genetisch perfektionierte Eierproduzentinnen oder genetisch perfektionierte Fleischlieferantinnen. Hybridhühner werden nicht in der Schweiz geboren, sondern als Küken per Post hierhin geschickt.

Die vielen Eier, die Legehennen hierzulande produzieren, entziehen dem Tier Kalzium und machen seine Knochen brüchig. Dies führt auch dazu, dass die Schalen der Eier brüchig werden. Sobald das der Fall ist, hat die Henne ausgedient und wird ersetzt.

Was kaufen? Demeter ist das strengste Label für Tierwohl

Import:  Die meisten Importeier stammen aus Bodenhaltung, pro Betrieb sind 100’000 Tiere oder mehr üblich. Ihre Schnäbel werden meist gestutzt, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen. Pro Quadratmeter sind 18 Hennen erlaubt.

Bodenhaltung Schweiz: Erfüllt Mindestanforderung der Schweizer Tierschutzverordnung. Es dürfen bis zu 17 Hennen pro Quadratmeter gehalten werden, macht ein A4-Blatt pro Tier. Nur 20 Prozent des Bodens muss eingestreut sein, Auslauf ist nicht vorgeschrieben, es gibt keine Sitzstangen.

Freiland/Naturafarm von Coop: Tiere können täglich nach draussen, Auslauf pro Henne: 2,5 Quadratmeter. Es gibt Sitzstangen und Legenester.

Bio Schweiz/BioSuisse Knospe/Naturaplan von Coop: Gehen über die gesetzliche Bio-Verordnung hinaus. Unterscheiden sich nur gering, meist bezüglich Anforderungen ans Futter. Auslauf pro Henne: 5 Quadratmeter. 80 Prozent des Futters müssen aus biologischem Anbau stammen. Nicht mehr als 16 Stunden künstliches Licht erlaubt.

KAG Freiland Biobetriebe: In jeder Hennengruppe muss ein Hahn gehalten werden, jede Henne hat 5 Quadratmeter Auslauf zur Verfügung, der Transport ins Schlachthaus darf nicht länger als 2 Stunden dauern.

Demeter: Das strengste Label, wenn es um das Tierwohl geht. Es gibt in jedem Stall einen Hahn, männliche Küken werden nicht getötet, kein Kupieren von Schnäbeln, Krallen, Flügeln. Futter zu 100 Prozent aus biologischem Anbau.

Zweinutzungshuhn (Coop)/Bruderküken (Alnatura)/Henne & Hahn (Aldi): Spezielle Züchtung, bei der die männlichen Küken nicht getötet, sondern beide Geschlechter genutzt werden: Die Hennen für die Eierproduktion, die Hähne für die Mast.

Kein Kükentöten (Respeggt von Migros): Neues Verfahren, dass die Geschlechtsbestimmung im Ei ermöglicht, sodass die männlichen Küken gar nicht erst ausgebrütet werden. Diese Methode ist bei Bioeiern nicht erlaubt, daher handelt es sich nur um Freilandeier. Wer beides will, bio und ohne Kükentöten, muss zu Demeter greifen.

Quellen
«Der grosse Eier-Check», SonntagsZeitung vom 14. November 2021 (Paywall)
Legehennen: Haltungsformen in der Schweiz

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