Der Beobachter bringt die dunklen Seiten des ach so beliebten Pouletfleisches auf den Punkt. Die Schweiz opfert für die Masthallen bestes Landwirtschaftsland, importiert Futter aus Übersee und exportiert Mist. Und missachtet dabei auch noch die Verfassung.

chicken wingsDie Pouletproduktion hat viele ökologische Nachteile. Bild: Pixabay

Wir essen in der Schweiz pro Kopf tendenziell weniger Fleisch, dafür im Schnitt doppelt so viel Poulet wie noch vor 40 Jahren. Hühnerfleisch gilt als gesund, einfach zu kochen, fettarm und - es zu essen wird von keiner grossen Religion verboten. Immer mehr Poulet stammt aus der Schweiz selbst, obwohl die Hühner-Mast hier keine grosse Tradition hat.  In den letzten Jahrzehnten aber schossen Hunderte von Masthallen aus dem Boden, Amerika machte es vor. Dafür ging und geht immer noch bestes Kulturland unwiederbringlich verloren. Aber die industrielle Hühnermast braucht ja keinen Boden, denn über 70 Prozent des Futters wird importiert - zum Beispiel Soja aus Brasilien. Auch Weizen und Reis, eigentlich Grundnahrungsmittel für die menschliche Art, landen im Futtertrog. Der Hühnermist wird sogar exportiert. Das alles entspricht mitnichten, was in der Bundesverfassung über die Landwirtschaft steht: Dass nämlich die Landwirtschaft mit «bodenbewirtschaftenden Betrieben» eine «standortangepasste Lebensmittelproduktion» sicherstellen soll. Doch langsam werden die dunklen Seiten des enormen Ausmasses der Pouletmast sichtbar und ernten Kritik.

Konkurrenz

Hühner fressen dieselbe Nahrung wie der Mensch. Marcel Liner von der Umweltorganisation Pro Natura sagt: «Getreide oder Soja sollten wir selber essen und nicht verfüttern. Daraus soviel Fleisch zu produzieren, ist ethisch fragwürdig, ökologisch problematisch und ineffizient.»

Bodenverlust und Zersiedelung

Zur Zeit werden viele neue Pouletmasthallen gebaut. Sechs lässt allein die Migros-Tochter Micarna. «Die neuen Masthallen tragen zur Zersiedelung der Landschaft und zum Verbrauch von Kulturland bei», schreibt aber das Bundesamt für Umwelt. Die Stiftung Landschaftsschutz und weitere Verbände wollen diesen Trend stoppen. Sie haben die Landschaftsinitiative eingereicht, die frühestens Ende 2022 zur Abstimmung kommt. Sie verlangt, dass landwirtschaftliche Bauten standortgebunden sind und die verbaute Kulturlandfläche nicht weiter zunimmt.

Totale Anhängigkeit von Migros und Coop

Doch LandwirtInnen denken wirtschaftlich, wenn sie Poulet produzieren: denn die ProduzentInnenpreise für Milch und Schweinefleisch schwanken, während Geflügelmast stabile Einnahmen verspricht. Weil aber vor allem die Grossverteiler die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren, sind die LandwirtInnen total abhängig von Migros Micarna und Coop-Tochter Bell. Diese bestimmen die Grösse des Stalls, organisieren das Futter, liefern die Mastküken und schlachten sie nach wenigen Wochen. Sie kontrollieren alles. Über ihre Gewinne daraus reden sie allerdings nicht. Aber: Im 2018 hielten nur 481 Bauern rund 70 Prozent des Mastgeflügels, je Betrieb bis 27 000 Tiere. Vom Kuchen profitieren neben den Grossverteilern eben nur wenige. Im 2020 wurden laut Proviande 75 951 219 Poulets geschlachtet.

Zu viel Stickstoff gelangt in die Umwelt

Es fällt immer mehr Geflügelmist in der Schweiz an – auch weil es neben Pouletmastbetriebe auch immer mehr Legehennen-Bestände gibt. Die Schweiz hat aber ohnehin zu viele Nutztiere, deshalb gelangt zu viel Stickstoff aus Tierdung in die Umwelt. Stickstoff jedoch schädigt Gewässer, Luft und Artenvielfalt. Zwar stammen heute nur fünf Prozent des gesamten Mists von Geflügel, doch der Anteil steigt, da die Rindvieh- und Schweinebestände abnehmen.

Misttourismus

Tausende von Tonnen Hühnermist gingen in den letzten Jahren auf Äcker und in Vergärungsanlagen in Deutschland und Österreich. So wurden 2020 rund 1700 Tonnen Hühnermist aus dem Kanton Thurgau und 800 Tonnen aus dem Kanton St. Gallen exportiert. Abertausende von Tonnen werden auch in der ganzen Schweiz verteilt: ein fragwürdiger Misttourismus.

Kommentar

Man sollte den Fleischkonsum generell senken und wenn schon eher Fleisch von Rindern, am besten von Zweinutzungs-Rassen, aus hiesiger Bio-Weidehaltung essen. Sie fressen Gras statt Ackerpflanzen und werden am ehesten tiergerecht gehalten. Und wenn Poulet, dann bitte Bio. Die biologischen Mastrichtlinien geben Bestandesbeschränkungen, Futtervorschriften und Zuchtbemühungen vor. Und am allerbesten, wenn man Hühnerfleisch essen will, kauft man Suppenhühner. Fausta Borsani

Quelle: Beobachter vom 7. Januar 2022, Artikel «Das Problem mit der Pouletmast» von Daniel Bütler

Schweizer Futtermittelimporte – Entwicklung, Hintergründe, Folgen

Nutztiere in der Schweiz, 2018

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