Matthias Wiesmann hat seit den 80er Jahren Initiativen in der Bio-Branche gestartet und unterstützt, darunter bionetz.ch im Jahr 2000. Im Interview erklärt er, warum es in der Schweiz bis heute keinen Bio-Laden-Verband gibt.

matthias 1 raegenboge 1070Im Rägeboge Winterthur leistete man sich im Jahr 2005 noch eine bediente Brot-Theke. Bild: Matthias Wiesmann

Matthias, wie kam es zur Gründung von bionetz.ch?

Die Gründer von Bio-Läden hatten ihre Ideale, wie gesunde Ernährung, Ökologie und biologische Landwirtschaft, Fair Trade, Gesundheit, gesellschaftliche Ziele. Vielen schwebte eine andere Art von Wirtschaft vor. Sie wollten sich nicht damit abfinden, dass laufend Quartierläden schlossen, während am Stadtrand Shoppingmalls entstanden. Unterschiedliche Ideen und Ideale fanden zusammen. Gründungen von Bio-Läden waren deshalb oft ein wenig Mittel zum Zweck. Aus verschiedenen Gründen stellte es sich dann aber als schwierig heraus, unter den Bio-Läden eine Kooperation zu erreichen.

Danach dachte ich, dass es vielleicht möglich wäre, Bio-Handel und -Verarbeiter näher zusammenzubringen – gemeinsame Anliegen gab es ja genügend. Da waren die ganzen Regulierungsfragen, die Bio-Verordnung, der Kontakt mit Bio Suisse, Fragen rund um die Lebensmittelinspektion oder die Einführung des Strichcodes, und so weiter. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von Interessierten wollte ich eine solche Organisation anstreben. Wir formulierten Ziele und Statuten. Dabei kamen wir zum Schluss, das Projekt nur zu realisieren, wenn wir mindestens hundert ernsthaft Interessierte finden würden. Wir kamen dann auf über neunzig – und bliesen die Übung ab.

Kurz darauf nahm IT-Spezialist Reto Baudenbacher vom heutigen bionetz.ch-Mitglied Chornlade in Zürich mit mir Kontakt auf. Er arbeitete in dem Bio-Quartierladen mit und war Webdesigner. Sie hätten entschieden, eine Website zu lancieren, erklärte er. Das war Ende der 90er-Jahre keine Alltäglichkeit. Seine Frage war, ob wir da mitmachen würden. Mit von der Partie war auch Peter Jossi, der im Bäckereigewerbe und später bei der Kontroll- und Zertifizierungsfirma bio.inspecta AG tätig war und viel Fachwissen einbrachte.

Eben hatten wir die Gründung einer Organisation auf Grosshandels- und Verarbeiter-Ebene abgebrochen. Die Statuten lagen noch da. Sollte der Versuch einer Verbandsgründung nun auf Bioladen-Ebene wiederholt werden? Wir legten los, Reto Baudenbacher, Peter Jossi und ich.

matthias 3 vorstand 1070Peter Jossi, Markus Johann, Hanspeter Bühler, Reto Baudenbacher 2012 anlässlich des Wechsels im Vorstand. Bild: Matthias Wiesmann

Welche Idee lag bionetz.ch ursprünglich zu Grunde?

Natürlich war das Ziel weiterhin die Kooperation. Teilweise gab es lokale Zusammenschlüsse, die aber eher den Charakter von Erfa-Gruppen hatten. Die Mitglieder eines solchen Zusammenschlusses aus Zürich traten bionetz.ch in corpore als Mitglied bei. Das war finanziell eine grosse Hilfe. Aus unserer Sicht war bionetz.ch als Verband gedacht. Dieser sollte die mittelständische, engagierte Bio-Handelsszene unterstützen, deren Infragestellung durch die Bio-Programme der Grossverteiler bereits spürbar wurde – das schafften wir nicht wirklich.

Das Interesse an einer gewissen «Fachlichkeit» nahm ich als beschränkt wahr. In einer etwas späteren Phase lancierte ich beispielsweise eine Betriebsvergleich-Gruppe. Monatlich schickten mir die Beteiligten ihre Umsatzzahlen, ich wertete sie aus und schickte die Auswertungen zurück. Ich ging davon aus, dass an solchen Zahlen grösstes Interesse bestünde. Es waren jedoch nur wenige, die sich solche Fragen stellten.

Du hast dich bereits seit 1984 für Bio engagiert, etwa mit der Gründung der Vermarktungs- und Verteilplattform Horai, die bis heute existiert und bionetz.ch-Mitglied ist. Gab es Parallelen zur Gründung von bionetz.ch?

Man könnte bei beiden Gründungen sagen: die Anregung kam aus dem Umkreis, nicht aus dem eigenen Bedürfnis der Macher. In meiner «Lebenserzählung» (einer Autobiografie) stelle ich es folgendermassen dar: «Nicht ich wollte eigentlich eine Unternehmung gründen. Sondern es entwickelte sich eine Situation, aus der heraus – so empfand ich wenigstens – etwas getan werden musste. Ein wiederkehrendes Charakteristikum wurde damals besonders deutlich: Ich griff eine Aufforderung auf und sagte: ich stelle fest, dass hier eine Aufgabe ist und möchte sehen, ob ich jemanden finde, der diese übernehmen könnte. Und übernahm sie schliesslich selbst. Denn es war sonst (…) niemand da, der sie übernommen hätte. Dies hielt ich nicht aus.

Also gründete ich eine Unternehmung. Somit war ich eigentlich nie das, was man klassisch als Pionier bezeichnet. Die Gründung von Horai war die Gründung eines Verbindungsnetzes. Wir traten nicht in erster Linie als Händler auf, sondern als Dienstleister, welche verschiedenste bereits existierende Belieferungen durch Produzenten oder Verarbeiter zu einem Verteilnetz zusammenfügten. (…) Horai dient als Dienstleister für die verschiedensten Lieferanten und natürlich den Kunden. Es ist wohl diese Haltung, die Horai am Leben und Funktionieren erhielt, während alle anderen Bio-Verteiler jener Zeit zu Bio Partner fusioniert worden sind.»

matthias 2 portrait 1070Der Konsum von Bio-Produkten ist für Matthias Wiesmann eine Selbstverständlichkeit. Bild: zVg

Im Futurum-Verlag erschien 2014 dein Buch «Solidarwirtschaft. Verantwortung als ökonomisches Prinzip». Darin werden acht Formen mitverantwortlicher Zusammenarbeit aufgezählt, beispielsweise in Form von Branchenverbänden. Warum wurde in der Schweiz nie ein Verband der Bio-Läden gegründet?

Ein Aspekt blieb bis heute: «bio» ist eine ideelle Grösse, ist für Menschen ein Anlass, aktiv zu werden. Daneben gibt es Bedürfnisse und die damit verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Anfangs gab es fast nur das ideelle Motiv, dann kamen mehr und mehr darauf, dass sich hier eine Marktlücke auftut. Über dieses sehr breite Spektrum an Haltungen ein Netz zu spannen, ist höchst anspruchsvoll.

Was bedeutet dir der Konsum von Bio-Produkten?

Eine Selbstverständlichkeit. Besonders gerne mag ich das Sauerteig-Brot und den Panetone von bionetz.ch-Mitglied Bio-Beck Lehmann.

Welches ist dein Lieblings-Bio-Laden?

Der Rägeboge Winterthur, ebenfalls bionetz.ch-Mitglied. Von vielen Bio-Läden, die stark den ursprünglichen Ideen verpflichtet waren, wie Ernährung, Ökologie, Lieferantentreue und so weiter, musste die Frage beantwortet werden: wie lassen sich die Ideale in die Zukunft tragen, ohne die notwendige Modernisierung zu vernachlässigen? Der Frauenfelder Bioladen musste leider 2013 schliessen, einen Teil des Sortiments hat die Drogerie Haas übernommen.

matthias 4 Hochland 1070«Das Hochlandrind gehört zu meinen liebsten Zeichnungen: weil es mit wenigen Strichen Charakteristisches zum Ausdruck bringt.» Illustration: Matthias Wiesmann

Bist du mit der Entwicklung von bionetz.ch in den letzten 25 Jahren zufrieden?

bionetz.ch ist braver geworden, hat heute aber prominentere Mitglieder. In Bezug auf einen Beitrag zur Entwicklung einer Bioladen-Szene wurde wohl nicht viel mehr erreicht, als wir erreicht haben. Dafür wurden ein paar Grosse als Mitglieder gewonnen. Wir polemisierten gelegentlich kräftig gegen Grosse. Wie ich später an Messen von Mitgliedern hörte, fehlte ihnen später dieses «Salz in der Suppe».

Natürlich ist «Beitrag zur Entwicklung» viel schneller gesagt als erreicht. Nah an der Szene zu sein, bedeutet Aufwand. Ein Beispiel ist die Schliessung des Bio-Ladens biosfair in Weinfelden: Zwar wurde in den vergangenen Jahren ein guter Umbau realisiert. Aber in den neu gestalteten Räumen standen immer noch die uralten Ladenkassen mit ein paar Warengruppen.

Inzwischen gibt es in den bisherigen biosfair-Räumlichkeiten einen Selbstbedienungsladen mit Self-Scanning, initiiert von Bio-Beck Lehmann, der dort einen Kunden verloren hatte, täglich vierzehn Stunden geöffnet (sonntags zwölf Stunden). Solche Modelle entstehen auch anderswo, teilweise auf Initiative von Bauern und Bäuerinnen.

Herzlichen Dank, Matthias!

«Wirtschaft – und keiner ist verantwortlich?» - Interview mit Matthias Wiesmann (16.12.14)

bionetz.ch-Gastbeitrag: Matthias Wiesmann über eine Landwirtschaft für Mensch und Natur (03.07.13)

bionetz.ch intern: Rücktritt von Matthias Wiesmann (14.02.12)

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