Die Sonntagszeitung vom 29.10.17 publizierte von Armin Müller, Mitglied der Chefredaktion, einen sogenannten «Fakten-Check» über den Einsatz von Pestiziden im Biolandbau. Wir haben bei Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstitutes für Biologischen Landbau (FiBL), nachgefragt.

agriculture 2361978 1280Für 96 Prozent der Pflanzenschutzmittelmengen ist der Biolandbau nicht verantwortlich. Bild: Pixabay

Unter anderem war im pdfArtikel der Sonntagszeitungzu lesen, dass die Unterscheidung zwischen «bösen» chemisch-synthetischen und «guten» natürlichen Wirkstoffen auf einem weitverbreiteten Irrglauben beruhe. Und dass der Biolandbau nicht besser für die Umwelt sei, weil es natürliche aber giftige Wirkstoffe wie Kupfer oder Pyrethrum einsetzt. Urs Niggli bringt Fakten.

«Die Aussage, dass der Biolandbau mitverantwortlich sei für den hohen Verbrauch an Pflanzenschutzmittel in der Schweiz, ist schlicht falsch». Fakt ist: Der grösste Teil oder 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Schweiz ist Grasland (Natur- und Kunstwiesen). Auf dieser Fläche ist im Biolandbau jegliche Pflanzenschutzanwendung verboten. Auf IP (Integrierte Produktion) und konventionellen Betrieben werden dagegen Asulam gegen Blacken und Alpenfarn, Glyphosate zur Wiesenerneuerung, «alte» Wuchsstoffherbizide wie MCPB, MCPA und andere zur Bekämpfung von Hahnenfuss sowie verschiedene Mittel zur Bekämpfung von Blacken angewandt. Urs Niggli bekräftigt: «Sie können diesen Angaben durchaus trauen, da ich bis 1990 alle Versuche im Schweizer Grünland mit Herbiziden koordiniert und selber durchgeführt habe. Wenn man täglich mit der Spritze unterwegs war, wie ich das zwischen 1979 und 1989 tat, dann fällt es einem weniger leicht, Probleme zu ignorieren». 

Kupfer im Bio-Kartoffelabau

Fakt ist: Im Ackerbau, weitere 27 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, verwendet der Biobauer nur 4 Prozent der Pflanzenschutzmittel-Mengen im Vergleich zum konventionellen oder IP- Bauern. Also werden 96 Prozent aller Spritzmittelmengen nicht im Biolandbau ausgebracht. Dies ist das Ergebnis der DOK-Studie, die über einen Zeitraum von 40 Jahren den biologisch-dynamischen (D) und den biologisch-organischen Landbau (O) mit dem konventionellen und IP (K) vergleicht. Diese Studie von FiBL und Agroscope wurde im renommierten Magazin «Science» (2002 Mäder et al.) publiziert. Ein Beispiel: Im Bio-Kartoffelanbau verwendet man Kupfer gegen Blatt- und Knollenfäule und den Nützling Bacillus Thuringiensis gegen den Kartoffelkäfer. Das macht auf den 591 Hektaren Biokartoffel - oder 0,0059 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz - maximal 2‘364 Kilogramm Reinkupfer. Wobei FiBL-Erhebungen bei den Produzenten ergeben haben, dass diese meist nur ein Viertel bis die Hälfte davon wirklich ausbringen.

Keine Biosprizmittel in Bächen und Seen

Es bleiben noch 3 Prozent der Nutzfläche, auf die Spezialkulturen angebaut werden. Fakt ist: Im Apfelanbau wenden die Biobauern nunmehr sehr wenig Kupfer an, da schorfresistente Sorten im Biolandbau stark verbreitet sind. Im weiteren spritzen die Bioproduzenten, die noch schorfempfindliche Sorten anbauen, reine Natursubstanzen und kommen häufig ganz ohne Kupfer aus. Im Gemüsebau tendiert der Kupfereinsatz gegen Null, da die Produzenten stets die neusten Züchtungen mit guten Resistenzen verwenden. Im Bio-Weinbau dürfen maximal 4 Kilogramm Reinkupfer pro Hektare gespritzt werden. Die 421 Hektaren Bioweinbau entsprechen 0,00421 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz. Wie soll diese kleine Fläche für die die hohen Mengen verantwortlich sein? Man kann anfügen, dass keines der im Biolandbau verwendeten Spritzmittel in den ausführlichen Studien des Wasserforschungsinstitutes EAWAG in den Gewässern gefunden wurde. 

Bio ist mit Abstand am wirksamsten

Fazit: Viel interessanter wäre es für die Sonntagszeitung gewesen, auf die Studie von Lechenet und anderen des Europäischen Forschungsinstitutes INRA zu verweisen. Der Wissenschaftler kommt in Frankreich zum Schluss, dass man 42 Prozent der Pflanzenschutzmittel-Anwendungen ohne Auswirkungen auf die Produktivität einsparen könnte. Seine Ansätze wären gerade in der Schweiz interessant, da wir hier bekanntlich die beste Forschung und Beratung der Welt haben. Bis wir in der Integrierten Produktion solche Ansätze konsequent umsetzen können, bleibt der Biolandbau die mit Abstand wirksamste Methode, den Pflanzenschutzmittel-Einsatz radikal zu reduzieren. Die Schweizer Bioproduzenten haben übrigens ein weltweit sehr hohes Ertragsniveau. Es würde also kaum eine Problemverlagerung ins Ausland geben. 

Kommentare  

#1 Res Bärtschi 2017-11-08 20:40
Der Artikel von Armin Müller ist ein Paradebeispiel für oberflächlichen Journalismus. Aus seiner Sicht ist es egal, ob man Pyrethrum oder Glyphosat einsetzt, alles ist Chemie. Aber es braucht ja nun wirklich kein Hochschulstudiu m um festzustellen, dass es Unterschiede zwischen den verschiedenen Substanzen gibt. Die Vergangenheit zeigt uns, dass von der Agrarchemie hochgelobte chemisch-synthe tische Pestizide irgendwann zum Problem werden. Zum Beispiel Atrazin war so ein Gift. Der aktuelle Expertenstreit, ob Glyphosat krebsfördernd ist oder nicht, ist ein weiteres Beispiel. Irgendwann wird auch Glyphosat verschwinden. Biolandbau hat auch nicht für alle Probleme die perfekte Lösung. Das, was im Biolandbau erlaubt ist, birgt aber erwiesenermasse n deutlich geringere Risiken. Ob die Produktion umweltfreundlic h, energieeffizien t, klimaneutral etc. ist, hängt von vielen Faktoren ab. Ich finde es schon ziemlich anmassend, dies alles in ein paar Zeilen abzuhandeln und dann Bio als Werbegag abzustempeln.
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