Kritische KonsumentInnen fordern Preissenkungen bei Bio-Produkten, um der Bio-Landwirtschaft grössere Absatzmöglichkeiten zu verschaffen. Tatsächlich ist der Preissprung von konventionellen zu Bio-Produkten oft erheblich: Bio-Süsskartoffeln etwa, die bis viermal teurer sind als die konventionellen. Was dahinter steckt, erklärt unser Gastautor Mathias Wiesmann.

Preisbildung bei BioproduktenPreisbildung bei Bioprodukten ist eine Frage des Marketings und der Logistik. Bild: Pixabay
Mathias Wiesmann/ Die Grossverteiler etablieren sowohl Billiglinien wie auch «Nobelmarken». Mit solchen Differenzierungsstrategien werden Margen möglich, die der Massenmarkt nicht erlaubt. Auch die Preisbildung bei Bio-Produkten folgt solchen Marketingüberlegungen. Bio ist als Nische in einem hohen Preissegment positioniert und ein Teil der Kundschaft  ist bereit, den stolzen Preis zu zahlen - der Bioanteil am Lebensmittelmarkt beträgt lediglich ca. 11 %. Die (teuren) Bioprodukte helfen, die Gesamtmarge des Handels anzuheben oder zumindest zu halten. Nachfolgend eine Spurensuche auf der Fährte der hohen Bio-Preise.

Logistik

Der Transport und die Verteilung von Produkten, die Logistik, sind essentiell und allgegenwärtig. Deren Kosten und Aufwand sind aber nur selten transparent. Als die Gentechnik in der Landwirtschaft z.B. in Brasiliens Sojaanbau Einzug hielt, folgte hierzulande eine hitzige Diskussion um die Gentech-Freiheit der Produkte. Ein klassischer Fall war Soja beziehungsweise Soja-Lezithin. Die ersten Reaktionen der Schokoladenhersteller besagten: Es ist viel zu teuer, die Warenflüsse von Gentech-freier Soja zu trennen. Zu den Kosten gab es unterschiedlichste Schätzungen: Oft sprach man von einer Verdoppelung der Preise. Dies hatte – nota bene – mit einem erhöhten Aufwand einer (Bio-) Produktion noch gar nichts zu tun. Dieser Aufwand und der dazugehörige Kostendruck gehört zur Bio-Warenkette und zwar auf jeder Stufe, von der Produktion über die Verarbeitung und den Grosshandel bis zum Detailhandel. Und sie betrifft auch die Qualitätssicherung und Zertifizierung. Zwei Beispiele illustrieren den Mechanismus deutlich.

Fair-Trade-Bio-Bananen

In den 80er Jahren entstand in Frauenfeld die Bewegung der «Bananen-Frauen», die der Migros beliebt machen wollten, Valutaänderungen nicht zur Preissenkung, sondern für eine Erhöhung der ProduzentInnenpreise einzusetzen. Der Grossverteiler ging nicht auf solche Forderungen ein. Danach vergingen einige Jahre, bis Fair-Trade-Bio-Bananen auch in die Migros gelangten. Bemerkenswert war, dass der Unterschied der ProduzentInnenpreise zwischen konventionellen und Bio-Bananen in Kolumbien nur wenige Cents, die Verkaufspreise in der Schweiz bei der fairen im Vergleich zur konventionellen Variante aber das Doppelte und mehr betrugen. Bananen werden in kürzester Zeit von spezialisierten Kühlschiffen von den Produzentenländern nach Europa gebracht. Dass ein (vielleicht nicht einmal ganz gefüllter) Bio-Container nicht für denselben Preis verschifft wird, wie einer von tausenden Containern, die ein ganzen Schiff füllen, versteht sich. Die in Antwerpen ankommenden (kleine) Bio-Bananen-Lieferung wird auf halb Europa verteilt, muss in kleinen Mengen gereift und schliesslich in die Läden geliefert werden.

«Schonend verarbeitet»

Das Prädikat «schonend verarbeitet» ist auf fast jedem Bio-Produkt zu lesen. Bestimmte Verfahren sind verboten, wodurch oft aufwendigere - und teurere - Verfahren notwendig werden. Manchmal sind es aber auch freiwillige Qualitätsrichtlinien, die ein Verarbeiter sich selber gibt – womit er sich wirtschaftliche Nachteile einhandelt. So zum Beispiel, wenn ein Milchverarbeiter wie die Biomilk AG in Worb weitestgehend darauf verzichtet, Milch den Strapazen des Pumpens auszusetzen. Ohne Pumpen ist der Milchtransport in 16'000 Liter-Tankwagen nicht möglich. Die Milch wird stattdessen in Kannen zu 40 Litern transportiert, was mehr kostet. Eine enorme Effizienz und deswegen tiefe Preise sind nur in der industrialisierten Lebensmittelproduktion möglich.

Fixe Margen

Traditionellerweise arbeitet der Lebensmittelhandel mit festen prozentualen Aufschlägen. Das bedeutet, dass bereits im Einkauf relativ teure Produkte noch teurer werden. Erhält der Produzent beispielsweise einen Fair-Trade-Zuschlag, profitiert auch der Laden hierzulande davon, weil er auf seinen Einkaufspreis, der den Fair-Trade-Zuschlag beinhaltet, einen prozentualen Aufschlag rechnet. Deshalb sagte die Fair Trade-Pionierin Ursula Brunner immer wieder: der Faire Handel in der Schweiz profitiert von den Fair-Trade-Zuschlägen mehr als die ProduzentInnen der Karibik etwa. Andererseits sind Bananen, die am Samstag nicht verkauft worden sind, am Montag schwarz und unverkäuflich. Also muss der eventuelle Verlust auf dem teuer eingekauften Produkt mit einer hohen Marge finanziert werden können. Wäre die Verkaufsmenge berechenbar, wie dies beispielsweise bei abonnierten Früchte- und Gemüsepaketen der Fall ist, könnte mit knapperen Margen kalkuliert werden. Die heilige KonsumentInnen-Freiheit, mal hier, mal dort zu kaufen, steht dieser Berechenbarkeit im Weg und hat ihren Preis.

Gezielte Preisstrategie für mehr Bio

Die Gründe für die Preisunterschiede sind also eher bei Marketingüberlegungen und logistischen Sachzwängen als bei den Produktionskosten zu suchen. Die Frage stellt sich, ob eine gezielte Preisstrategie, flankiert von entsprechenden Kommunikationsmassnahmen, den Absatz von Bio-Produkten deutlich steigern, die Preise langfristig senken und einen grösseren Anteil der Kundschaft für Bio-Konsum gewinnen könnte.

Zum Gastautor:

Matthias Wiesmann war (Mit-) Gründer verschiedener Einrichtungen im Bio-Bereich wie Bio-Frischdienst Horai in Bern, Biomilk, Via Verde und bionetz.ch. Heute ist er als Autor von Büchern und Beiträgen für Fachzeitschriften tätig (www.matthias-wiesmann.ch).

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