Ende Oktober 2012 fand in Olten (Schweiz) die Jahrestagung Biofach-/Reformwarenhandel statt, organisiert vom Verband des Schweizer Einzelhandels, Veledes. In der mit circa 50 Teilnehmern gut besuchten Veranstaltung wurden die schwieriger werdenden Rahmenbedingungen aufgezeigt, aber auch interessante Beispiele von Ladnern präsentiert, wie Biofachhandel in der Schweiz erfolgreich sein kann.

Hans Liechti, Geschäftsführer des Verbandes Veledes, stellte in seinem Eingangsreferat allgemeine Entwicklungen im Schweizer Einzelhandel (Detailhandel) dar. Der Anteil des Schweizer Einzelhandels an den privaten Konsumausgaben der Schweizer Haushalte geht stetig zurück und liegt heute nur bei 30%, der Anteil für Nahrungs- und Genussmittel bei 14%. Insgesamt scheint das Schweizer Einzelhandelsvolumen seit 4-5 Jahren ein Plafond erreicht zu haben und dies trotz jährlichem Bevölkerungszuwachs. Ein gewichtiger Grund für diese Entwicklung liegt laut Liechti im Einkaufstourismus der Konsumenten ins benachbarte billigere Ausland begründet.

Rund Fr. 5 Mrd. (€ 4.2 Mrd.) oder dreimal mehr als für Bioprodukte werden von Schweizern jedes Jahr im Einzelhandel im benachbarten Ausland ausgegeben. Rund 40% der Schweizer kaufen mindestens einmal im Monat jenseits der Grenze ein. Davon betroffen sind auch Bioläden, die entlang der Schweizer Grenzen in den letzten Jahren zum Teil deutliche Umsatzeinbussen hinnehmen mussten. Marktdominierend in der Schweiz sind im Einzelhandel dagegen weiterhin Coop und Migros. Auch wenn die Wachstumszahlen der beiden Ketten in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden sind, so wachsen beide Unternehmen v.a. mit Nachhaltigkeitsmarken, die Themen wie Bio, Regionalität oder den Fairen Handel fokussieren.

Davon profitiert auch der Schweizer Biomarkt als Ganzes. Im Jahr 2011 wurden in der Schweiz Bioprodukte im Wert von Fr. 1.74 Mrd. (€ 1.45 Mrd.) mit stetig wachsender Tendenz verkauft. Fast die Hälfte der Bioprodukte verkauft Coop, ein Viertel die Migros. Bioläden und Reformhäuser partizipieren mit einem Marktanteil von 13% am „Biokuchen“.

Im Anschluss geht Toralf Richter auf Trends und künftige Veränderungen im Konsumalltag ein. Der Konsument, so Richter, ist ebenso wie viele Bioläden von einem Zuviel an Produkten, Labels, Informationen betroffen. Da gleichzeitig immer weniger Zeit bleibt, zum Teil komplexe Informationen lesen und reflektieren zu können, ortet er eine Sehnsucht nach dem Einfachen und Überschaubaren. Weiter weist Richter darauf hin, dass in den nächsten Jahren technologische Änderungen rund um Smartphones und die Vernetzung von Daten aus Google, Facebook & Co. die Welt des Konsumenten prägen und verändern wird. So wird in Deutschland bereits im Einzelhandel eine App getestet, bei der der Konsument zu jedem Produkt Zusatzinformationen und Kundenbewertungen finden kann. Diese Veränderungen werden die Transparenz der Prozesse, Hersteller und Verfahren hinter den Produkten erhöhen. Sie geben dem engagierten Konsument künftig ein machtvolles Instrument zur Produktbewertung in die Hand.

Mobiles Informieren und Einkaufen via Smartphones beeinflusst den Einzelhandel in der ZukunftMehr Transparenz zu Produkt und Hersteller per Mobile-Scan 

 

Weiterhin wird darauf hingewiesen, dass online-Shops Dank mobiler Bestell- und Bezahlmöglichkeiten künftig einen weiteren Boom erfahren werden, da man den Einkauf immer und zu jeder Zeit auslösen kann und nicht mehr an einen Computer mit Internetverbindung angewiesen ist. In Bezug auf Lebensmittel stellt Richter beim Konsumenten eine grosse Sehnsucht nach dem Natürlichen und Ursprünglichen fest. Doch komme es künftig nicht nur darauf an, gute Bioprodukte zu verkaufen. Die Konsumenten möchten auch wissen, was für ein Unternehmen hinter einem Produkt steht und ob es sich jenseits der Erzeugung von Bioprodukten auch für ökologische und soziale Belange in der Gesellschaft stark mache. Gleiches gilt auch für die Einkaufsstätte. Richter rief die anwesenden Ladner deshalb auf, sich vom Produktverkäufer zum Werteverkäufer zu entwickeln und eigenes soziales Engagement klar gegenüber dem Kunden zu kommunizieren oder diesen in Massnahmen sogar miteinzubeziehen.

Im zweiten Teil seines Vortrags geht Richter auf aktuelle Entwicklungen im Fachhandel ein. Hier prägt vor allem der Markteintritt von Alnatura die öffentliche Diskussion. Richter vertritt die Auffassung, dass Alnatura mit den gleichen Herausforderungen kämpfen müsse wie jeder Bioladen. Eigenen Beobachtungen zu folge ist die dort anzutreffende Kundschaft aber zum Teil eine Andere als im typischen Bioladen. Vor allem auch jüngere Kunden und Familien mit kleineren Kindern sind im Alnatura verstärkt anzutreffen. Richter empfiehlt den Läden, die Entwicklung sowohl bei Alnatura als auch im übrigen gesellschaftlichen Umfeld genau zu beobachten und wo nötig Anpassungen im heutigen Dienstleistungsangebot vorzunehmen. Auch der Fachhandel müsse mit der Zeit gehen und sich weiterentwickeln.

Vier Ladnerbeispiele belebten die Tagung mit Praxisnähe. Sonja Rütimann vom Laden „Oepfelbaum“, Uster, Priska Roth vom „portantura“ in Zofingen, Martina Gwerder vom „Regenbogen“ in Schwyz und Stefan Roth, Geschäftsführer der Reformhauskette „Müller“ präsentierten ihre Ansätze, den Biofachhandel erfolgreich in die Zukunft zu führen. Auch wenn alle vier Ansätze individuell und einzigartig sind in der Schweiz, so belegen sie doch folgendes: das persönliche Engagement des Ladners und die Motivation des Teams, eine sorgfältige Sortimentsauswahl, eine aktive Arbeit mit den Kunden und eine einzigartige Philosophie sowie das permanente Reflektieren der eigenen Schwächen und Stärken sind zentrale Erfolgsfaktoren einer nachhaltig erfolgreichen Ladenentwicklung. Auch das Zulassen von Veränderungen, der Mut etwas Neues und Einzigartiges zu probieren oder auch der Mut, Perfektionslücken zuzulassen, machen erfolgreiche Bioläden stark.

Veledes Tagung TeilnehmerVielfältige TeilnehmerInnen-Runde an der Veledes-Tagung 

In einer abschliessenden Diskussionsrunde zwischen Ladnern und Vertreter der wichtigsten Schweizer Grosshändler sowie der Verbände Bio Suisse, Demeter und Veledes wurde deutlich, dass die Ladner auf einen vielfältigen Strauss an unterstützenden Massnahmen zurückgreifen kann. Die Palette reicht von Massnahmen, die Ladnern das Alltagsgeschäft erleichtern (z.B. Qualitätssicherung oder die technische Unterstützung im Bestellwesen) bis hin zu Profilierungs- und Marketingprogrammen und Promotionsartikeln, die gegenüber den Endkunden orientiert sind.

Die Veranstaltung, die von Toralf Richter von der bossert & richter AG moderiert wurde, löste Gespräche und Impulse aus und war für viele Ladner Inspiration für Änderungen im Ladenalltag.

Autor: Toralf Richter, bossert & richter AG, Schweiz

 

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