Am 19. Mai 2015 wurde in Bern die «Interessengemeinschaft Bio Schweiz» (IG BIO) gegründet. Was war der Anlass für die Neugründung? Welche Ziele setzt sich die IG BIO und wie sieht sie ihre Rolle innerhalb der Biobranche? Dr. Karola Krell Zbinden (Geschäftsleitung) und Niklaus Iten (Präsident) nehmen im aktuellen bionetz.ch-Interview (Peter Jossi) gemeinsam Stellung.

Peter Jossi - Wer Biolebensmittel verarbeitet und vermarktet, muss über die ohnehin umfassenden gesetzlichen Anforderungen hinaus ein ganzes Regelwerk an zusätzlichen Bioanforderungen erfüllen. Die IG BIO setzt sich zum Ziel, gegenüber Behörden, Labelorganisationen und Zertifizierungsstellen als Branchenvertretung zu dienen. Aktuell stehen Unklarheiten im Vollzug betreffend Rückstandsfragen im Vordergrund.

Was führte zur Gründung der IG BIO Schweiz – Interessenvertretung für den «BIO-Lebensmittelmarkt»?

Direkter Anlass zur Gründung war eine Sitzung von Vertreterinnen und Vertretern der Bundesämter BLW und BLV, Kantonschemiker, FiBL, Zertifizierungsstellen, Labelgeber, fial, Händler und Verarbeiter vom 30.4.15 in Olten. Eingeladen hatte bio.inspecta. Hintergrund der Sitzung war die Tatsache, dass sich mit der Zunahme der Rückstandsanalysen im Biolandbau, im Handel und in der Verarbeitung das Problem stellt, «wie deren Ergebnisse einheitlich und verbindlich zu interpretieren sind».

IG Bio Niklaus Iten DSC09779Niklaus Iten, Präsident der IG Bio (Bild: IG BIO)

In welchem Verhältnis steht die IG BIO zu den klassischen Branchenverbänden der Lebensmittelwirtschaft?

Die IG BIO vertritt die Bio-Kette ab Primärproduktion. Sie vereinigt Vertreter der Industrie, der Logistik, des Rohstoff- und Detailhandels, ausgenommen ist die Primärproduktion. Die IG BIO ist ein «horizontaler» Verband, der sich aus Vertretern aller Branchen zusammensetzen soll.

Ein solches Konstrukt passt nach Ansicht der fial-Geschäftsführer nicht in die bestehenden fial-Strukturen, da die fial erstens «vertikal» organisiert ist und zweitens nur für schweizerische Hersteller und nicht für Importeure, Logistiker und Detailhandel gedacht ist.

Wieso wurde die IG BIO so schnell gegründet?

Nicht zuletzt auf Druck der EU ist die Schweiz gefordert, zeitnah klare Vorgaben zum Umgang mit Rückständen zu erlassen. Es war aber allgemeiner Konsens an der Sitzung in Olten, dass Industrie und Handel Stellung zu solchen Vorgaben nehmen können sollten. Deshalb wurde innerhalb von nur zwei Wochen der neue Verband mit mittlerweile 35 Mitgliedern gegründet.

IG BIO Foto KKrell HE 2012Dr. Karola Krell Zbinden, Geschäftsführerin (Bild: IG BIO)

Welche Zielsetzungen hat die IG BIO, bzw. welche Praxisprobleme gibt es zu lösen?

Das erste Ziel der IG BIO ist es, zu behördlichen Handlungen (BLW/BLV, Zertifizierungsstellen und Lebensmittelvollzug) im Umgang mit Rückständen Stellung zu nehmen, um eine praxistaugliche Lösung zu schaffen.

Behördliche Vorgaben müssen unbedingt die Tatsache berücksichtigen, dass selbst durch beste Herstellungspraxis eine völlige Rückstandsfreiheit von Bio-Produkten unmöglich zu garantieren ist. Die Einstellung, dass «Bio» gleich «rückstandsfrei» bedeutet, geht von falschen Annahmen aus. Rückstände aufgrund unbeabsichtigter und unvermeidbarer Vermischungen sind eine Tatsache. Der Aufwand zur Abklärung solcher Fälle, die kein Sicherheitsproblem darstellen, kann derart gross sein, dass Bio-Produkte vernichtet werden müssen. Dies weil die Abklärungen so viel Zeit und Kosten beanspruchen, dass das Produkt nicht mehr verkauft werden kann.

Ein weiteres Praxisproblem ist der Umstand, dass für Bio-Produkte zwei verschiedene Bundesämter zuständig sind. Die Bio-Verordnung liegt im Verantwortungsbereich des BLW, während Lebensmittel, und damit auch Bio-Lebensmittel, der Lebensmittelgesetzgebung unterstellt sind und somit im Verantwortungsbereich des BLV liegen. Hier kann die IG BIO für seine Mitglieder sicher wertvolle «Übersetzungsarbeit» leisten.

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Bioregelwerk in der Schweiz und darüber hinaus?

Die Umsetzung der Bio-Vorschriften wird manchmal dadurch erschwert, dass mehrere Bundesämter zuständig sind. Auch die bevorstehende Generalüberholung der EU-Bio-Verordnung wird von der IG BIO beobachtet. Rechtlichen Anforderungen und Entwicklungen, die nicht zu mehr sondern zu weniger Bio führen würden, werden wir entgegen wirken.

Bio-Organisationen gibt es schon einige – wie positioniert sich die IG BIO in diesem Umfeld? Wo sehen Sie Kooperationen, wo Interessenkonflikt?

Es war der Dringlichkeit des Vorgehens geschuldet, dass die Gründung der IG Bio nicht mit anderen Bio-Organisationen koordiniert werden konnte. Grundsätzlich bezweckt die IG BIO die Förderung optimaler Rahmenbedingungen im wirtschaftlichen, lebensmittelrechtlichen, wissenschaftlichen und technischen Bereich. Und dies u.a. mit Interventionen bei den Behörden und bei Organisationen der Wirtschaft. Insofern es in der Schweiz Bio-Organisationen gibt, die identische Strukturen und Ziele haben, ist eine Kooperation mit diesen Organisationen selbstverständlich möglich und absolut im Sinne der IG BIO.

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