PFAS machen vor Bio-Betrieben nicht Halt
Bei der Belastung mit den Ewigkeitschemikalien PFAS liegt noch vieles im Dunkeln. Klar ist: Bio-Lebensmittel sind ebenfalls davon betroffen – das Bio-Ei gemäss einer Analyse vom November 2025 stärker als Eier aus anderen Haltungsformen. Bei Gemüse kann Bio mit dem Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide punkten.
Aktuell besteht gemäss Bio Suisse kein Grund, auf den Kauf von Bio-Eiern zu verzichten. Bild: Pixabay
Zur Gruppe der PFAS, der per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, gehören mehrere tausend synthetische Stoffe. Diese sind aufgrund ihrer besonderen chemischen Struktur wasser-, fett- und schmutzabweisend. Sie werden seit Jahrzehnten in vielfältigen industriellen Prozessen und Produkten eingesetzt, etwa in der Textilindustrie, der Elektronik und der Papierindustrie sowie bei Farben, Feuerlöschschäumen, Lebensmittelverpackungen, Kosmetika, Teflonpfannen und Skiwachs.
Durch die extrem starken Kohlenstoff-Fluor-Bindungen sind PFAS äusserst stabil und werden in der Umwelt zum Problem, da sie praktisch nicht abbaubar sind. Diese Persistenz wurde bei der Freigabe für den Markt nicht richtig beurteilt. Weil die PFAS nicht abgebaut werden, ist das Problem nun ausser Kontrolle geraten. Die Chemikalien sind zwar nicht akut toxisch. Die Lebewesen sind den Chemikalien jedoch lange ausgesetzt, was zu einer chronischen Toxizität und zum Beispiel zu Krebs oder Beeinträchtigungen des Immun- und Hormonsystems führen kann.
Anreicherung in der Nahrungskette
Die PFAS in der Umwelt stammen häufig aus Abfällen und Klärschlämmen, Textilimprägnierungsmitteln und Metallbeschichtungen. Aber auch fluorierte Gase zum Heizen und Kühlen sowie Pestizide tragen zur Belastung der Umwelt mit PFAS bei. Da diese Verbindungen so stabil sind, reichern sie sich in der Nahrungskette an – bis hin zum Menschen. Im Oktober 2024 fand ein Labor, das vom Konsumentenmagazin saldo beauftragt worden war, PFAS im Blut aller 35 getesteten Personen aus 18 Kantonen. Im August davor hatte bereits der Kanton St. Gallen Alarm geschlagen, weil in mehreren Bodenproben zu hohe PFAS-Werte festgestellt worden waren. Von dort stammende Produkte durften zum Teil nicht mehr in den Verkauf gelangen.
Im folgenden November wurde bekannt, dass einzelne Fischarten im Luganersee die Grenzwerte für PFAS zum Teil um das Zehnfache überschritten. Und Anfang April letzten Jahres publizierte das Online-Medium 20 Minuten die Untersuchung von Kantonschemikerinnen und Kantonschemiker der Westschweiz, die zu hohe PFAS-Werte bei Forellen und Hechten zu Tage gefördert hatte. In Europa sind dank dem investigativen Journalismus-Projekt «Forever Pollution Project» über 15 000 mit PFAS kontaminierte Standorte bekannt.
Höhere Nachweisrate bei Bio-Eiern
Gerade im Bereich Frischprodukte schätzen Konsument:innen die Bio-Qualität. In den verschiedenen Produktgruppen haben Früchte und Gemüse mit 770 Millionen Franken den höchsten Umsatz aller Bio-Verkäufe. Beim Marktanteil liegen Bio-Eier mit fast 28 Prozent vorn, dicht gefolgt von Gemüse, Salaten und Kartoffeln. Brot kommt mit knapp 25 Prozent auf Platz drei.
Das bezüglich Marktanteil sehr erfolgreiche Bio-Ei schnitt in der Analyse-Kampagne vom November 2025 des Verbandes der Kantonschemikerinnen und Kantonschemiker der Schweiz und vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV schlechter ab als Eier aus anderen Haltungsformen. PFAS gelangen vor allem durch das Futter oder das Wasser sowie über kontaminierte Böden und Gras in die Eier. Von April bis Juni 2025 wurden in der ganzen Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein unter anderem 282 Eierproben erhoben. Die Anzahl der positiven Proben war bei Eiern von Hühnern aus biologischer Haltung höher als bei Freiland- und Bodenhaltung.
Weitere Abklärungen erforderlich
«Die Ergebnisse weisen auf einen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von PFAS in Eiern und der Haltungsform der Hühner hin», heisst es in der Studie. Dies könne insbesondere auf die Art des verwendeten Futters und/oder die Bewegungsfreiheit der Hühner im Freien zurückzuführen sein. Trotz der höheren Nachweisrate seien die gemessenen Konzentrationen tief. Die Höchstgehalte wurden, abgesehen von einer Ausnahme, eingehalten. Für eine abschliessende Bestimmung der Ursachen seien weitere Abklärungen erforderlich, hiess es.
Noch sei es zu früh für konkrete Massnahmen, heisst es von Seiten Bio Suisse. «Wir warten erst die abschliessenden Resultate der Kampagne der Kantonschemiker und des BLV ab», erklärt Mediensprecher Lukas Inderfurth vom Verband der Schweizer Knospe-Betriebe. Aktuell sei nicht klar, welche Massnahmen die PFAS-Belastung von Eiern bei betroffenen Betrieben ausreichend senken könnten. «Wir verfolgen entsprechende Versuche und unterstützen betroffene Knospe-Betriebe bei diesen Massnahmen, falls notwendig.» Der Verband verfolge die Entwicklung aufmerksam. «Aktuell besteht kein Grund, auf den Kauf von Bio-Eiern zu verzichten», sagt Lukas Inderfurth weiter.
Auch beim Gemüse finden sich gesundheitsschädliche PFAS-Rückstände: Die Trifluoressigsäure (TFA) stammt vor allem aus Pestiziden, Kältemitteln, Treibgasen und Tierarzneimitteln. Sie ist wasserlöslich und gelangt über die Wurzeln in Kartoffeln und Rüebli. Gemäss Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung gibt es bei Pflanzenschutzmitteln diverse Wirkstoffe, die zu den PFAS zählen. Ein Abbauprodukt davon sei oftmals die TFA. Derzeit werden zwanzig in der Schweiz bewilligte Pflanzenschutz-Mittel-Wirkstoffe zu den PFAS gezählt, davon sind 18 mögliche Vorläufer von TFA.
Naturverträgliche Produktionsweise zahlt sich aus
Gemäss einer Untersuchung des Konsumentenmagazins K-Tipp vom April 2026 enthielten 16 von 25 Gemüseprodukten PFAS. Auch biologisch angebautes Gemüse war betroffen, da die TFA über Regenwasser, Grundwasser oder die Bewässerung von Äckern auch auf biologisch bewirtschaftete Felder gelangt. Immerhin war Bio-Gemüse in der Stichprobe etwas weniger stark belastet als konventionell produzierte Lebensmittel.
«Die Belastung mit PFAS betrifft die gesamte Landwirtschaft und ist kein bio-spezifisches Thema», bilanziert Lukas Inderfurth von Bio Suisse. Und er führt aus: «Umso wichtiger ist es, dass sich der Biolandbau weiterhin stark macht für eine naturverträgliche Produktionsweise und auf gesundheitsschädigende Zusätze konsequent verzichtet.»
Ania Biasio, bionetz.ch
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS)
PFAS ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Die Chemikalien bestehen aus Ketten von Kohlenstoffatomen, die mit Fluor bestückt sind. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von mehreren tausend synthetischen Industriechemikalien, die zum Teil seit den 70er Jahren im industriellen Massstab und in einer grossen Vielfalt eingesetzt wurden – und zu einem grossen Teil weiterhin eingesetzt werden.
Als besonders kritisch beurteilte PFAS gelten:
Perfluaroctansulfonsäure (PFOS)
Perfluoroctansäure (PFOA)
Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS)
Perfluornonansäure (PFNA)
Die tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge für die Summe von PFOS, PFOA, PFHxS und PFNA beträgt 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Trifluoressigsäure (TFA) ist ein sehr mobiler und gleichzeitig äusserst stabiler Stoff. Es zählt selbst zu den PFAS und entsteht in vielen Anwendungsbereichen, als kleinstmögliches Abbauprodukt grösserer PFAS. Grenzwerte gibt es keine, weder für Wasser noch für Lebensmittel. Einzig Dänemark legte im Jahr 2023 einen TFA-Grenzwert für Trinkwasser fest, bei 9 Mikrogramm pro Liter.
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